Merry Christmas – Der Weihnachtsfriede 1914

Was hat es mit Weihnachten eigentlich auf sich? Ist es nur ein Erinnerungsfest an die Geburt Jesu, oder ist da in jeder Heiligen Nacht noch etwas anwesend, das die Seelen real ergreift, wenn sie sich ihm öffnen? An Weihnachten 1914, im ersten Jahr des 1. Weltkrieges, jedenfalls spielten sich an der Westfront vielfach denkwürdige Dinge ab, die niemand für möglich gehalten hätte. Deutsche sowie Briten und Franzosen, die sich feindlich in Schützengräben gegenüberlagen und täglich gnadenlos Tod und Verderben übereinander brachten, gingen vielerorts an Heiligabend ohne Waffen zögernd aufeinander zu und feierten gemeinsam Weihnachten.

Was war da geschehen? In der Chronik des 55. Westfälischen Infanterieregiments hieß es: Es „durchzitterte alle Herzen ein sonderbares, in Worten gar nicht wiederzugebendes Gefühl bei dieser Begegnung“. Ein Soldat schrieb in einem Brief nach Hause, dass es „die schönste Weihnachtsfeier war, die ich je erlebte“. Der Journalist Michael Jürgs kam in seinem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg“ zu dem Urteil: „Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges.“ Und der britische Historiker Malcolm Brown sprach in „Christmas Truce“ von der „besten und herzbewegendsten Weihnachtsgeschichte unserer Zeit“.1

Schon je 300 000 Deutsche und Franzosen sowie 160 000 Briten waren in den ersten 5 Monaten des Krieges getötet worden, wie von der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ zusammengefasst wird, „oft für ein paar Meter Boden. Erst am 18. Dezember hatte es ein grauenhaftes Gefecht gegeben. Bei bis zu 5000 Toten am Tag herrschte in den 20 000 Kilometern Gräben zwischen Schweizer Grenze und Nordsee die Stimmung vor, ´dass endlich Schluss sein möge`, wie ein britischer Veteran sagte. Am allerschlimmsten: der knietiefe, eisige Schlamm in den verzweigten Gängen, die oft auf 20 bis 100 Meter, also in Hörweite, vom Feind entfernt lagen. Schlamm, der die Füße zerfraß, die nie trocken wurden. Dazu Ratten, groß wie Terrier, die sogar Katzen fraßen; Läuse, Geruch von Blut und Verwesung, Schlaflosigkeit, Todesangst. – Nun aber beleuchtete der Mond eine unglaubliche Szenerie, die Nacht war nach tagelangem Regen nun sternenklar, kalt, windstill, Raureif sorgte für winterlich-feierlichen, wehmütigen Zauber. Vor allem die Stille irritierte, ´als habe eine Uhr plötzlich aufgehört zu ticken`, so der Brite William Tapp. Keine schwirrenden Kugeln, kein Mörserbeschuss mehr. … Eigentlich sollten die Waffen nur schweigen, damit endlich die Gefallenen bestattet werden können, die teils seit Wochen auf den Äckern lagen, an denen sich längst Ratten zu schaffen gemacht haben. Der Anblick der im unvorstellbaren Gemetzel zerfetzten, nun verwesenden Leichen lastete auf dem Gemüt. Die Unterstände sollten ausgebessert, frische Sandsäcke aufgeschichtet, Abflussrinnen geschaufelt werden.“ 1

Doch dann geschah an vielen Stellen der Front, was im Folgenden am Beispiel der Ereignisse in der Nähe der Stadt Lens im Departement Pas-de-Calais in Nordfrankreich erzählt werden soll, wie sie der weitgehend authentische Film „Merry Christmas“ eingefangen hat.

Die Heilige Nacht

Am Heiligen Abend hockten Schotten, Franzosen und die Deutschen des Regiments 130 der V. Armee (Kronprinzen-Armee) jeweils in ihren Unterständen bei Kerzenschein zusammen. Die Deutschen hatten aus der Heimat viele kleine Weihnachtsbäume mit Kerzen erhalten, die nun angezündet wurden. Bei den Schotten holte der Sanitäter und Militärseelsorger Palmer einen Dudelsack hervor und begann ein wehmütiges schottisches Heimatlied „I´m dreaming of home“ (Ich träume von zu Hause) zu spielen, in das schließlich alle seine Kameraden singend einfielen. Die Franzosen und Deutschen lauschten still. In einer kurzen Pause nach der ersten Strophe rief ein Deutscher zu den Schotten hinüber: „Come boys, louder!“ (Kommt Jungens, lauter!) Die Schotten sangen verstärkt weiter und prosteten sich am Ende laut zu.2

Beim deutschen Regiment war soeben im vordersten Graben der Gefreite Nikolaus Sprink wieder eingetroffen, ein Operntenor, der wie alle anderen bei Kriegsbeginn zum Regiment eingezogen und dann zum Stab des Oberkommandos der V. Armee abkommandiert worden war. Er wollte in Absprache mit Kronprinz Wilhelm bei seinen alten Kameraden an der Front Weihnachten feiern.3

Einige Soldaten begannen, eine Reihe leuchtender Weihnachtsbäumchen oben auf den Rand des Schützengrabens zu stellen. Die Franzosen gegenüber bemerkten dies zuerst, waren misstrauisch und vermuteten eine Falle. Doch in der gespannten Stille hörten sie, wie bei den Deutschen ein Sänger „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu singen begann. Ein anderer holte seine Mundharmonika aus der Tasche und spielte die Melodie leise mit. Franzosen und Schotten hörten in versonnenem Schweigen zu. Musik, die die Seele des Menschen in eine höhere Sphäre erhebt, begann an diesem besonderen Abend die Herzen aller, ob Freund, ob Feind, zunehmend zu ergreifen. Beim Beginn der zweiten Strophe stimmte auf einmal der Dudelsack der Schotten in die Melodie ein. Überrascht hielt der Sänger inne, lauschte erstaunt und nahm dann freudig an der Stelle, an die der Dudelsack inzwischen weiter geschritten war, den Gesang wieder auf. Dann stieg er singend langsam nach oben, so dass er mit dem Oberkörper über den Rand des Schützengrabens zwischen den leuchtenden Weihnachtsbäumen herausragte und ihn alle gut hören konnten.

Einige Franzosen spähten gespannt herüber, und einer legte skeptisch sein Gewehr an. Doch sein Leutnant neben ihm drückte es zu Boden. Als der Sänger mit „Christ, der Retter ist da“ endete, rief der deutsche Oberleutnant energisch, sofort herunter zu kommen. Aber im selben Moment brandete von den Schotten lauter Beifall auf, und viele setzten sich auf den Rand ihrer Gräben und schauten zu den Deutschen herüber. – Da trat der schottische Pastor mit dem Dudelsack vor und intonierte die ersten Töne des Weihnachtsliedes „Herbei, o ihr Gläub´gen“, (bei den Schotten bekannt unter „O come, all ye faithful“) „fröhlich triumphieret, … Sehet das Kindlein, uns zum Heil geboren! O lasset uns anbeten den König!“. –

Der Deutsche, noch immer obenstehend, nahm das Angebot an, und in klaren, feierlichen Tönen schwang sich das Lied mit dem übernationalen lateinischen Text „Adeste fideles“ durch die klare Luft über das zerrissene Land in die wunden Herzen der Männer. Noch mehr schottische Dudelsäcke stimmten begleitend ein. Da nahm der Deutsche eines der leuchtenden Weihnachtsbäumchen in die rechte Hand und ging zur wachsenden Verwunderung aller singend langsam in das Niemandsland zwischen den Stellungen hinein. Und die Soldaten aller drei Einheiten erhoben sich und blickten atemlos auf den christlichen Sänger wie auf einen Boten aus einer anderen Welt.4

Als das Lied endete, war er in der Mitte des Niemandslandes angekommen. Schweigend hob er in der eingetretenen Stille das Bäumchen wie ein leuchtendes Fanal hoch in die kalte Abendluft. – Da durchbrach die Stimme eines Deutschen die Stille: „Guten Abend, Engländer!“ Einer rief zurück: „Guten Abend, Deutsche, aber wir sind keine Engländer! Wir sind Schotten!“ Das allgemeine Gelächter löste die letzte Spannung. Doch versuchte der deutsche Oberleutnant Horstmayer, die militärische Disziplin und Ordnung wieder herzustellen, ging zu dem Sänger und forderte ihn auf, nun zurückzukehren, das sei hier schließlich nicht die Berliner Oper. „Sie haben recht“, antwortete dieser versonnen, „das hier ist besser als Berlin.“

Ehe der deutsche Offizier weiter handeln konnte, geschah das vor allem für die Franzosen Unglaubliche: Der schottische Lt. Gordon Mackenzie schritt auf die beiden Deutschen zu und sprach mit ihnen. Der französische Lieutenant Audebert, zutiefst irritiert, rang mit sich. Doch was auch immer da vorging, er konnte seinen Verbündeten nicht allein lassen, setzte seine Mütze auf und ging zu den beiden anderen Offizieren. „Guten Abend“, begrüßte ihn der Schotte, „wir haben über einen Waffenstillstand gesprochen an Heiligabend. Was meinen Sie?“ Überrascht senkte der Franzose nachdenklich den Kopf. „Der Ausgang dieses Krieges wird heute Nacht nicht entschieden“, gab ihm der Schotte zu bedenken, „niemand wird es uns verdenken, dass wir an Heiligabend die Gewehre niederlegen.“ Und beruhigend sagte der Deutsche: „Keine Sorge, es ist nur für diese Nacht.“

Gespannt beobachteten die französischen Soldaten die Szene. Was zum Teufel besprachen die Offiziere? Hatten die Deutschen etwa die Nase voll und wollten aufgeben? Da kam ihr Lieutenant zurück, ließ sich von den ungläubig blickenden Soldaten eine Flasche Champagner und vier Becher reichen und kehrte um. Er goss den anderen und sich selber ein, sie stießen an, schauten sich fest, aber warm in die Augen, wünschten sich Frohe Weihachten und besiegelten so einen Waffenstillstand für den Heiligen Abend. – In dem Augenblick stiegen unter großem Jubel aller Soldaten Leuchtkugeln in den Himmel, die einer abgefeuert hatte.

Der deutsche Oberleutnant murmelte noch: „Welcher Idiot war das?“, als sich auf einmal die deutschen Soldaten  von ihren Stellungen lösten und sich langsam auf die anderen zubewegten. Darauf gingen auch die Schotten und Franzosen den Deutschen entgegen, bis schließlich alle dicht voreinander stehen blieben. Prüfend, verlegen lächelnd, unbeholfen oder freundlich offen schauten sie sich an, tauschten Ess- und Trinkbares miteinander aus, das sie in der Tasche trugen oder schnell mitgenommen hatten, fragten nach dem Zuhause des Anderen, seiner Frau oder Freundin, zeigten sich gegenseitig Bilder, die sie in der Brusttasche hatten und tauschten Komplimente aus. Ein Deutscher fand eine Schottin so schön, dass er ihr Bild unter großem Gelächter auf seine Lippen drückte. Es gab keine Feinde mehr. Alle einten die gleichen menschlichen Sorgen, Freuden und Hoffnungen.

Dabei ergab es sich, dass sich bei einem Deutschen und einem Franzosen, die beieinander standen, eine Katze miauend meldete, der beide Männer vertraut waren, weil sie von diesen bei ihren wechselnden Besuchen in deren Gräben Wärme und Fürsorge erfahren und jeweils liebevoll den Namen Felix bzw. Nestor erhalten hatte. Das Tier war schon vorher, ohne Nationen und Feinde zu unterscheiden, nur auf der Suche nach Menschen gewesen.

Auch die drei Offiziere standen noch beieinander und erzählten von ihren persönlichen Verhältnissen. Als der Franzose den anderen das Bild seiner Frau zeigen wollte, merkte er, dass er es verloren hatte. Da übergab ihm der Deutsche eine Brieftasche, die er nach einem Angriff der Franzosen im deutschen Schützengraben gefunden, in der sich das Bild befand. Und er erzählte, dass er vor zwei Jahren auf seiner Hochzeitsreise in einem Hotel in Paris ganz in der Nähe des Franzosen gewohnt hatte. Dessen Wohnung befand sich aber jetzt in einer Stadt auf von den Deutschen besetztem Gebiet, so dass er von seiner schwangeren Frau abgeschnitten war. Die wechselseitige persönliche Anteilnahme und die menschlichen Gesten ließen über die aufgezwungene Völker-Feindschaft hinweg eine stille Sympathie zwischen ihnen aufkeimen.

Da rief eine kleine Glocke zu einem gemeinsamen Gottesdienst, den der schottische Pastor Palmer inzwischen vor einem improvisierten kleinen Altar vorbereitet hatte. Und das Einmalige geschah: Alle Deutschen, Franzosen und Schotten setzten sich schweigend nebeneinander auf den Boden und erhoben in Gemeinsamkeit ihre Herzen zu dem, der in dieser Nacht der Zeitenwende geboren wurde, den Frieden auf Erden zu bringen, „den Menschen, die eines guten Willens sind.“ Er war längst in ihre Seelen eingezogen. – Dann gingen alle still, sich immer wieder ungläubig zu den anderen umwendend, langsam in ihre Unterstände zurück.

Diese Männer sind heute Nacht von dem Altar angezogen worden wie von einem Feuer mitten im Winter“, sagt der schottische Pastor danach zu seinem Leutnant, „selbst diejenigen, die nicht gläubig sind, sind gekommen, sich zu wärmen.“ Und der deutsche Oberleutnant offenbarte dem Sänger: „Ich bin Jude. Weihnachten bedeutet mir nichts. Aber an diesen Abend werde ich mich immer erinnern.“

Erster Weihnachtsfeiertag

Am frühen Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages erwachten die Deutschen von Hackgeräuschen. Ein einzelner, noch verbitterter Schotte grub im Niemandsland ein Grab für seinen gefallenen Bruder. Lt. Mackenzie und Pastor Palmer holten ihn besorgt zurück, da ja der Waffenstillstand nur für Heiligabend galt. Doch der deutsche Oberleutnant bot ihnen und dem ebenfalls erschienenen französischen Lieutenant an, den Waffenstillstand zu verlängern, damit alle ihre Toten begraben konnten. Mit einem gemeinsamen heißen Tee, den der französische Adjutant eilig herbeibrachte, wurde die Verlängerung besiegelt. „Das ergibt Sinn: die Toten an Christi Geburt begraben“, sagte der schottische Leutnant zu den beiden anderen. Feierlich begleiteten vier schottische Dudelsäcke die stundenlange traurige Arbeit.

Doch danach mochte noch keiner in die eigenen Gräben zurückkehren. Ein Schotte holte einen eiförmigen Football, und schon begann ein ausgelassenes  Fußballspiel nationaler oder gemischter Mannschaften gegeneinander. Daneben bildeten sich Gruppen, die miteinander Karten spielten, andere, die sich unterhielten oder Briefe schrieben. Die drei Offiziere saßen nebeneinander und schauten den Fußballern lächelnd zu. Da bot der Deutsche Horstmayer dem Franzosen Audebert überraschend an, wenn er wolle, könnte er Post von ihm zu seiner Frau befördern lassen. Doch der war skeptisch und hielt das für zu riskant. „Briefe werden uns nicht hindern, den Krieg zu gewinnen“, meinte der Deutsche lächelnd. „Und außerdem: Wenn wir Paris eingenommen haben und das hier vorbei ist, in einem Jahr, dann lade ich Sie in Paris zu einem Glas Wein ein.“ „Sie müssen nicht erst Paris einnehmen, um ein Glas Wein mit mir zu trinken“, erwiderte freundlich der Franzose. – Später übergab er dem Deutschen doch noch dankbar einen Brief an seine Frau.

Schließlich fühlten die Offiziere die Verpflichtung, den Waffenstillstand zu beenden. Alle gingen jeweils wieder in ihre Schützengräben und sollten die restliche Weihnachtszeit unter sich bleiben. Aber die gemeinsamen Weihnachtserlebnisse hatten feste Bande der Kameradschaft geknüpft, die sie in dem Gefühl verband, hilflose Objekte eines Krieges zu sein, der sie alle gleichermaßen mit Vernichtung bedrohte. Und es geschah etwas, was sich wohl noch nie in einem Kriege zwischen Feinden abgespielt hatte. Plötzlich durchquerte der deutsche Oberleutnant trotz Ende des Waffenstillstandes schnellen Schrittes das Niemandsland zu den Stellungen der Franzosen und zu den Schotten. „Unsere Artillerie wird Sie in zehn Minuten beschießen. Ich schlage Ihnen vor, bei uns in Deckung zu gehen, in unseren Schützengräben!“ –

Und die Franzosen und Schotten kletterten aus ihren Gräben und folgten dem deutschen Offizier mit Gefühlen im Herzen, wie sie wohl noch nie Soldaten für Feinde empfunden haben. „Wenn Sie abgelöst worden wären, hätte ich Ihren Nachfolger nicht gewarnt“, sagte der Deutsche im Gehen zu dem französischen Lieutenant. „Der hätte Sie ohnehin erschossen, bevor Sie auch nur Ihren Fuß ins Niemandsland gesetzt hätten. Traurig, aber wahr“, erwiderte dieser. – Dichtgedrängt standen oder hockten sie in den deutschen Gräben beieinander und warteten, bis der Artilleriebeschuss beendet war. – „Unsere Artillerie wird das sicher schnell beantworten“, sagte da der schottische Lt. Mackenzie zum deutschen Offizier und lud ihn ein, nun bei ihnen Schutz zu suchen. –

So setzte sich das Erstaunliche, nie Gesehene fort. Lieutenant Audebert begleitete den deutschen Oberleutnant in die schottischen Gräben. Nachdem schließlich auch die schottische Artillerie das Feuer beendet hatte, sagte der Deutsche dankbar, aber resignativ: „Ich denke, wir werden es wohl bei dem einen Mal belassen müssen.“ Und er wendete sich freundlich an den französischen Offizier: „Es war mir eine Ehre, Sie kennengelernt zu haben. Unter anderen Umständen hätten wir vielleicht …“, er stockte und wusste nicht, wie er es sagen sollte, „hätten wir vielleicht …“ Doch der Franzose wusste, was er sagen wollte. „Das hätten wir vielleicht, ja … – Aber vielleicht kommen Sie auch zu einem Glas Wein nach Paris als Tourist.“ Der Deutsche antwortete ihm zustimmend auf Französisch, so dass dieser überrascht feststellte: „Ich glaube, Sie werden sehr schnell Französisch sprechen lernen.“ „Das ist nicht mein Verdienst“, erwiderte der Deutsche, „immerhin ist meine Frau Französin. Viel Glück!“ – Und er wendete sich mit wehmütigem Blick zum Gehen. „Für Dich auch!“ rief ihm tief betroffen über diese Mitteilung der Franzose zu, und blickte ihm versonnen nach, wie er auch dem schottischen Leutnant mit festem Handschlag „Good by“ sagte.

Die Schotten waren alle über den Gräben versammelt, um die Deutschen ehrenvoll zu verabschieden. Vier Dudelsäcke spielten wehmütige Weisen, indem die Deutschen langsam zu ihren Stellungen zurückgingen. Der wundersame Weihnachtsfriede war notgedrungen vorbei. Die jeweilige militärische Hierarchie hatte sie wieder in die Maschinerie des Tötens aufgenommen. Und die Reaktionen der übergeordneten Befehlshaber auf die militärisch hochverräterische Verbrüderung konnten nicht ausbleiben.

Die Reaktionen der Hierarchien

Der schottische Pastor Palmer war im Lazarett hinter der Front mit der Betreuung Verwundeter und Sterbender befasst, und gerade, als er einem soeben gestorbenen jungen Soldaten die Augen zudrückte, kam sein Bischof herein und hielt ihm vor, er habe an Weihnachten den Pfad Christi verlassen. Er erklärte ihm, dass er zu seiner Pfarrgemeinde nach Schottland zurückversetzt werde. Das Regiment werde aufgelöst und jeder Soldat in eine andere Einheit versetzt. In der Kapelle nebenan warteten die Soldaten der neuen Einheit, die er in einem Gottesdienst auf ihre Aufgabe vorbereiten wollte. Pastor Palmer merkte, dass der Bischof weit davon entfernt war, auch nur das geringste Verständnis für das aufzubringen, was sie an Weihnachtszauber erlebt hatten, und dass der Gottesdienst an Heiligabend für ihn der bedeutendste und wichtigste seines Lebens gewesen war.

Palmer musste mitanhören, wie der Bischof nebenan die neuen Soldaten vom Altar aus mit biblischen Argumenten eindringlich zum unerbittlichen Kampf gegen den deutschen Feind anfeuerte:

Christus, unser Herr, sagt: Glaubt nicht, ich komme, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich komme nicht, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Aus dem Evangelium des heiligen Mattthäus.5
Nun, meine Brüder, das Schwert des Herrn liegt in Euren Händen. Ihr alle seid die wahren Verteidiger unserer gesamten Zivilisation. Die Kräfte des Guten gegen die Kräfte des Bösen. Denn dieser Krieg ist ohne Frage ein wahrer Kreuzzug, ein heiliger Krieg, um die Freiheit der Welt vor dem Untergang zu retten. – Ich sage Euch, in Wahrheit handeln die Deutschen nicht wie wir. Sie denken auch nicht wie wir. Denn sie sind nicht Kinder Gottes wie wir. … Mit Hilfe Gottes müsst Ihr die Deutschen umbringen, die guten wie die bösen, die jungen wie die alten. Tötet jeden Einzelnen von ihnen, damit es ein für alle Mal erledigt ist. – Der Herr sei mit Euch!“

Pastor Palmer konnte das Ungeheuerliche aus dem Munde eines christlichen Bischofs nicht mehr ertragen. Er stand auf, nahm sein Amtskreuz von der Brust, hing es an einen Nagel und verließ den Raum.

Auch der vorgesetzte Major der Schotten kam am nächsten Morgen voller Zorn an die Front und befahl schneidend alle auf ihre Posten. Scharf ließ er mit angelegten Gewehren die deutschen Stellungen beobachten. Und als dort auf einmal ein Soldat aus dem Schützengraben stieg und das Niemandsland betrat, rief er zu den beiden Schützen vor sich: „Worauf warten Sie? Erschießen Sie den verdammten Deutschen!“ Und als diese zögerten: „Worauf warten Sie noch -, erschießen Sie ihn, Gott verdammt!“ – Die beiden blickten kurz zu ihrem Lieutenant und schossen dann über den Soldaten hinweg, der in Richtung der Franzosen zu laufen begann. „Erschießen Sie ihn jetzt!“, schrie der Major noch erregter, „erschießen Sie den Mann, knallen Sie ihn ab!“ Kopfschüttelnd schauten sich die beiden an, es war ihnen nicht möglich. – Da fiel ein Schuss, und der laufende Soldat stürzte getroffen zu Boden. Der junge Schotte, dessen Bruder zuvor gefallen war, hatte geschossen. –

Doch es war kein Deutscher. Der französische Lieutenant hatte in dem Fliehenden seinen Adjutanten erkannt, kam eilend zu ihm gelaufen und hob neben ihm kniend seinen Kopf auf seinen Arm: „Was hast Du gemacht?“ fragte er außer Atem. „Ich habe mir von den Deutschen helfen lassen und meine Mutter besucht. Wir haben Kaffee getrunken wie früher“, hauchte der tödlich Getroffene. Diese wohnte nur eine Stunde entfernt auf von den Deutschen besetztem Gebiet, ganz in der Nähe der Frau des Lieutenants. Und mit letzter Kraft flüsterte er: „Sie haben einen Sohn. Henry heißt er.“ Dann sank sein Kopf zur Seite, und er starb. Dem Lieutenant schossen die Tränen in die Augen. Schluchzend beugte er sich über das Gesicht seines toten Kameraden. Nach einer Weile legte er seinen Kopf sanft zur Erde, erhob sich und schaute mit leidvollem, anklagendem Blick zu den Schotten hinüber. –

Auch die französische Einheit wurde bestraft und an die Front nach Verdun verlegt. Der Vater Lieutenant Audeberts, ein General, ging mit seinem Sohn hart ins Gericht. „Was Ihr getan habt, nennt man Hochverrat“, herrschte er ihn an, „darauf steht die Todesstrafe. Aber man kann nicht 200 Männer erschießen, das kann man nicht. Und nur das rettet Euch.“ Auf keinen Fall dürfe die Öffentlichkeit von dieser Fraternisierung erfahren. Sein Sohn erwiderte: „Die Männer, die das erlebt haben, schämen sich nicht dafür. Sie werden nicht darüber sprechen, weil niemand ihnen glauben wird, geschweige denn sie verstehen.“ „Unbegreiflich“, antwortete der General, „sich an solchen Handlungen mit dem Feind zu beteiligen, der einen Teil unseres Landes besetzt hat.“ Erregt rief sein Sohn aus: „Unser Land? Was weiß das Land davon, was wir hier erleiden? Was wir hier tun, ohne uns zu weigern? – Ich habe mich den Deutschen näher gefühlt als denen, die im Warmen sitzen, Truthahn essen und schreien: Tod den Deutschen!“ –

Natürlich konnte auch die deutsche Militärhierarchie die weihnachtliche Verbrüderung der Männer des Regimentes 130 der V. Armee mit den Soldaten der Feinde nicht tatenlos hinnehmen. Die Einheit wurde an die Ostfront verlegt. Ein General6 verabschiedete sie im Waggon des Zuges, der sie dort hinbringen sollte: „In zwei Tagen werden Sie in Ostpreußen an einer Offensive gegen die russische Armee teilnehmen. Ich hoffe, Sie zeigen dort ihre Kampfbereitschaft gegenüber den Feinden unseres Reichs. Dieser Zug fährt durch unser Vaterland. Aber es wird Ihnen nicht möglich sein, Ihre Familien zu sehn. Warum, können Sie sich vorstellen.“

Darauf riss er zornig einem Soldaten die Mundharmonika aus der Hand, warf sie auf den Boden und trat sie mit dem Stiefelabsatz platt. Denn die Musik hatte alles in Gang gesetzt. Dann verließ er den Waggon.

Als sich der Zug in Bewegung setzte, begann einer der Soldaten das Heimatlied der Schotten zu summen, das diese an Heiligabend gesungen hatten, und alle anderen stimmten ein. So fuhren sie ihrem ungewissen Schicksal entgegen, doch mit der Gewissheit im Herzen, dass die „Bruderschaft der Menschen“, wie ein Schotte es ausdrückte, einmal stärker gewesen war als Hass und Feindschaft, welche von den Mächtigen in denen, die ihnen (noch) untertan sind, immer wieder für ihre dunklen Ziele entzündet werden.
———————————————
1    hna.de 22.12.2014 
2    Video des Liedes: https://www.youtube.com/watch?v=6gtyF93Pm2o
3    Im Film kommt Sprink zum Entsetzen des Oberleutnants in Begleitung
seiner Freundin, der dänischen Sopranistin Anna Sörensen. Doch das
ist nicht authentisch und von mir daher hier weggelassen.
4   Die Szene der beiden Lieder: https://www.youtube.com/watch?v=_mpejMa-mJc
5   Es handelt sich um eine weitverbreitete falsche Übersetzung von Kap. 10,
Vers 34, 35, die den Sinn der Worte Christi ins Gegenteil verkehrt. Christus
sagte in Wahrheit: „Ich bin nicht auf die Erde herabgestiegen, um von dieser
Erde wegzuwerfen den Frieden, sondern um wegzuwerfen das Schwert.“ Alles
andere ist auch mit dem ganzen Leben, Sprechen und Handeln Christi nicht
in Einklang zu bringen.
6  Im Film ist es Kronprinz Wilhelm selbst, was aber nicht der historischen Wahrheit entspricht. Dieser „stand den Vorfällen billigend gegenüber“. (Wikipedia)

 

Advertisements

13 Kommentare zu „Merry Christmas – Der Weihnachtsfriede 1914“

  1. DANKE! Die Geschichte hat mich sehr berührt und ich werde sie an Weihnachten vorlesen. Möge das Ihre ein Frohes sein!
    Thomas C. Liebl

  2. beim Lesen konnte ich mir das bildlich vorstellen. Das berührt doch sehr.
    Dieser Bericht zeigt eindeutig, dass die Menschen gar keinen Krieg wollen.
    Wenn es nach denen bzw. nach uns ging, würden wir alle friedlich miteinander leben.

    Die Frage stellt sich: „Brauchen wir den Staat in seiner jetzigen Form?“

    Eine gute Regierung erkennt man daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht. Dieser Satz wird Morales zugeschrieben.

  3. Wunderbar ! Dieses Ereignis kann uns hoffen lassen darauf, dass – wenn ins Gemüt der Menschen das wirklich Christliche einzieht – der Frieden siegt über Kasernenhof -Drill und über die Phrasen mancher Pfaffen,die das Schwert und den Gehorsam predigen.
    Herzlichen Dank und gute Festtage !

  4. Zwar nicht zu Weihnachten, so doch geschah Ähnliches am 5.5.1945 zwischen den Divisionen Hohenstaufen und Friedberg gegen die 6. Armee Gen. Pattons, südlich Insbruck. Seitens der Deutschen ging eine mehrköpfige Abordnung mit weißer Fahne zu den Amerikanern, Patton. Die 6. Armee käme nicht weiter, wie sie wohl merkten, man sei noch gut bewaffnet und das gegenseitige Morden mit hohen Verlusten müsse ein Ende haben. Wir brauchen allerdings Sprit und dann werden wir mit Rückendeckung der Amerikaner die Russen dort hin bringen, wo sie her kämen – denn die wären schon lange am Ende.
    Patton räumte eine 2-tägige Pause ein, um Washington zu konsultieren während Freund und Feind durcheinander laufend das Kampfgebiet absuchten und Verletzte wie vor allem Gefallene zu bergen. Und selbstverständlich gab es auch dort engere Gespräche, doch aus den USA kam natürlich das strikte Nein – wir wissen heute warum! So gingen ab dem 7.5. noch einige Schüsse in die Luft, aber gekämpft wurde nicht mehr.
    Die beiden deutschen Divisionen gingen mit dem 8.5. in Gefangenschaft auf einem Feld quadratisch eingezäunt durch vier Maschinengewehre. Es sickerten auch bald die Schauermärchen durch, die diese kämpfende Truppe unvorbereitet trafen……
    Und so ereilte sie am 11.5. die Nachricht und der Befehl, durch Insbruck zu marschieren, um auf der anderen Seite die Gefangenschaft fortzusetzen. Ein Schock und voller Angst nur noch an ein Spießrutenlaufen denkend traten sie den Marsch an – die vorherigen Tage ohne Essen, bzw. nur mit dem, was man noch hatte.
    Was sie dann erlebten paßt ebenfalls so gar nicht in unser heutiges Klischee. An diesem sonnestrahlenden Maientag marschierten sie nach Insbruck rein, die Fensterläden der Häuser waren geöffnet und die Insbrucker Frauen warfen Brot, kleine Aufmerksamkeiten, Blumen in die Reihen der Hohenstaufer wie Friedberger – ja, und dann stand die 6.-te Armee Pattons links und rechts der Straßen und steckte den Deutschen ihre eisernen Rationen, Schokolade, Zigaretten zu. Es war ein Triumpfmarsch oder ein den Krieg vergessender Freundschaftsdienst der 6.-ten Armee unter Gen. Patton; vielleicht auch ein Mitgrund zu seiner Beseitigung mittels eines fingierten LKW-Unfalles!
    Die dann neuerliche Festsetzung wurde auf einem Feld mit Hunger, Durst und, und, fortgesetzt – die Rheinwiesenlager kündeten sich an…..

  5. Die natürliche Musik, der Gesang macht Frieden.
    1914 lag der Kammerton noch bei 435 Hz. Wenn jemand ohne gestimmtes Orchester im Schützengraben singt, fällt die Stimme in die Natürlichkeit des Kammertons 432 Hz zurück.
    Schon die alten Römer hatten Musik mit dem natürlichen Kammerton 432 verboten, weil die Legionäre nicht mehr kämpfen wollten.
    Zu Beginn des II.WK wurde der Kammerton auf 440 Hz erhöht. Warum wohl?

  6. Eine schöne und anrührende Geschichte. Allerdings kommt mir manches doch arg aufgesetzt vor: die gefundene Brieftasche, die streunende Katze, die hier und da ein sich kümmerndes Herrchen hat und schließlich der deutsch-jüdische Oberstleutnant.

    Und da einige Kommentatoren pauschal über „machtgeile Politiker“, bzw. über „Kasernenhof-Drill“ (preußisch-deutscher Militarismus?) schwadronieren, über welche die friedliebenden (christlichen) Menschen letztlich obsiegen, weise ich darauf hin, dass dem Deutschen Kaiserreich dieser Krieg aufgezwungen wurde, in dem Maße als die „Eliten“ Englands, Frankreichs und Rußlands planmäßig auf einen vernichtenden Krieg gegen Deutschland hin arbeiteten.

    Dies entspricht selbstverständlich nicht dem Narrativ der offiziellen Geschichtsschreibung, aber auch diese ist nun nicht mehr imstande die alte These des aggressiven Preußen-Deutschlands aufrechtzuerhalten.

    Es steht jedem frei – und ich rate es an, dies zu tun – die offizielle Geschichtsschreibung in Bezug auf den Ersten Weltkrieg zu hinterfragen und das schwarzgezeichnete Bild unserer Vorfahren zu entschwärzen.

    https://valjean72.wordpress.com/2017/04/29/der-1-weltkrieg-und-die-abkehr-von-der-these-der-deutschen-alleinschuld/

    Abschließend will ich die Gelegenheit nutzen und allen Lesern ein gutes, neues Jahr wünschen.

Kommentare sind geschlossen.