Sonntagsgeschichte: „Ein schöner Einfall“ – oder: Ein weiser Richter

Von
Sigismund von Radecki

In den Zeiten wachsender Armut der unteren Bevölkerungsschichten und vor allem vieler Rentner spielen sich oft uns alle im Grunde beschämende Szenen ab. Alte Männer oder Frauen, die ein Leben lang gearbeitet haben, müssen Müllcontainer oder Abfallkörbe nach Essbarem oder nach Pfandflaschen durchsuchen, weil Ihre kleinen Renten nicht ausreichen. Manche werden angezeigt – wegen Diebstahl oder Hausfriedensbruch. Und man hört von merkwürdigen Richtern, die „Im Namen des Volkes“ Recht sprechen, aber den inneren Zusammenhang mit dem gesunden Gerechtigkeitsempfinden des Volkes längst verloren haben. Ganz anders ein weiser, souveräner Richter, von dem Sigismund von Radecki erzählt:

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Von dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister Fiorello Enrico „Henry“ LaGuardia (1882-1947) erzählt man sich folgende großartige Geschichte:

Eines Tages fungierte er, wie er es zuweilen tat, als Polizeirichter. Es war ein eiskalter Wintertag, und man führte ihm einen alten, zitternden Mann vor. Anklage: Entwendung eines Laibes Brot aus einer Bäckerei.
Der Angeklagte entschuldigte sich damit, dass seine Familie am Verhungern sei.

„Ich muss Sie bestrafen“, erklärte LaGuardia. „Das Gesetz duldet keine Ausnahme. Ich kann nichts tun, als Sie zu zehn Dollars zu verurteilen.“
Dann aber griff er in die Tasche und setzte hinzu: „Well, hier sind die zehn Dollars, um Ihre Strafe zu bezahlen. – Und nun erlasse ich Ihnen die Strafe.“
Hierbei warf La Guardia die Zehndollarnote in seinen grauen Filzhut. –

„Und nun“, setzte er mit erhobener Stimme fort, „bestrafe ich jeden Anwesenden in diesem Gerichtssaal mit einer Buße von fünfzig Cent – und zwar dafür, dass er in einer Stadt lebt, wo ein Mensch Brot stehlen muss, um essen zu können! – Herr Gerichtsdiener, kassieren sie die Geldstrafen sogleich ein und übergeben Sie sie dem Angeklagten.“

Der Hut machte die Runde. Und ein noch halb ungläubiger alter Mann verließ den Gerichtssaal mit siebenundvierzig Dollars fünfzig Cent in der Tasche.1

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Nachbemerkung:
Sigismund von Radecki (1891-1970) war ein deutscher Schriftsteller und literarischer Übersetzer aus einer baltischen Familie. Sein Werk „besteht vorwiegend aus Feuilletons und Essays, die meist auf Alltagsbeobachtungen basieren und häufig humoristischen oder satirischen Charakter haben. In seinen späteren Arbeiten entwickelte Radecki sich zum Kultur- und Zeitkritiker. Daneben ist er als Übersetzer aus dem Russischen und Englischen hervorgetreten.“ (Wikipedia)

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1   Aus: Kurze Geschichten zum Nacherzählen, Diesterweg, Stuttgart 19727, S. 34-35

 

19 Kommentare zu „Sonntagsgeschichte: „Ein schöner Einfall“ – oder: Ein weiser Richter“

  1. Man kann von einer zielgerichteten Verarmung sprechen, ein Zufall ist über längere Zeit und bei wechselnden Regierungen auszuschließen.

    Neue Studie
    15,5 Millionen Deutsche sind von Armut bedroht

    2017 lag dieser Schwellenwert für eine Alleinlebende bei 1.096 Euro und für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.302 Euro monatlich.

    https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_84703324/statistisches-bundesamt-15-5-millionen-deutsche-von-armut-bedroht.html

    Jeder fünfte Deutsche lebt 30 Prozent unter der Armutsgrenze
    https://de.sputniknews.com/panorama/20161206313643862-deutschland-armutsgrenze-statistik/

    Über 940 Tafeln mit mehr als 2.000 Tafel-Läden und Ausgabestellen (Gründung der ersten Tafel 1993 in Berlin).
    Die Zahl der Tafeln und der unterstützenden Personen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen.
    https://www.tafel.de/ueber-uns/die-tafeln/zahlen-fakten/

    1. Deutschland soll nach einer CIA-Studie zwischen 2018 und 2020 unregierbar werden.

      Der National Intelligence Council, ein Thinktank der amerikanischen Dienste, beschäftigt sich in regelmäßigen Abständen damit, die Zukunft abzusehen und über Strategien nachzudenken. Wer ebenfalls über den Tellerrand der Tagesmeldungen hinausschauen möchte, hat mit dem Band „Die Welt im Jahr 2035 gesehen von der CIA“ ein ausgezeichnetes Buch zur Hand, das unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten diskutiert.
      https://www.focus.de/politik/experten/jaeger/ausblick-bis-2035-migration-nationalismus-klimawandel-cia-buch-gibt-duestere-prognose-fuer-europa-ab_id_7895127.html

      Sept. 2010: „Die renommierte “Washington Post” zitierte unlängst den Boss des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Hayden, mit den Worten

      “Deutschland ist spätestens im Jahr 2020 nicht mehr regierbar. Der Werteverfall, die Islamisierung, die Massenarbeitslosikeit und der fehlende Integrationswille einiger Zuwanderer, die sich “rechtsfreie, etnisch weitgehend homogene Räume, selbst mit Waffengewalt erkämpfen würden, sowie viele andere kerndeutsche Problemem werden sich in einem Bürgerkrieg entladen.”

      Michael Vincent Hayden, ehemaliger Direktor der CIA (2006-2009)
      https://homment.com/upX5CtdQjL

      1. Die Zahlen könnten, wie in den USA geschönt sein:

        WALL STREET JOURNAL
        47 Millionen US-Bürger leben von Essensmarken
        https://www.welt.de/wall-street-journal/article114918996/47-Millionen-US-Buerger-leben-von-Essensmarken.html

        Die Bedingungen für Essenmarken verschleiern den wirklichen Bedarf.

        USA: 40 Millionen leben unter der Armutsgrenze
        18.07.2018
        https://oxiblog.de/usa-40-millionen-leben-unter-der-armutsgrenze/

        Es wird eine Krise zum Wechsel des Herrschaftssystem erzeugt. Der Prozeß soll aber kontrollierbar bleiben.

    2. „Man kann von einer zielgerichteten Verarmung sprechen,…“

      Das sehe ich nicht so. Zielgerichtet würde bedeuten, dass eine Gruppe oder Clique ganz bewusst diese Verarmung mit dem Ziel herbeiführt, einen Vorteil hierdurch zu erlangen. Das ist aber nicht so.

      Die komplexe Realität zeigt uns, dass es sich bei der Verarmung um ein systemisches Problem handelt, in dem die Umverteilung von Vermögen von unten nach oben automatisiert über die Verzinsung von stehendem Kapital erfolgt.

      „….ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht, es an einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht wachsen.“ („Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, S. 185).

      Damit hat Keynes recht, denn die Anhäufung von Kapital auf leistungsloses Einkommen ist der Knackpunkt schlechthin. Nur die allgemeine Funktion des Zinses hat er, wie Paul C. Martin mit seinem Debitismus, nicht wirklich bis zu Ende gedacht, weil die (automatischen) soziologischen Auswirkungen, hier die Verarmung, niemand in der größtenteils gekauften Wissenschaft thematisieren mag. Zielgerichtet ist die Verarmung deshalb nicht, sie ist systemisch als Kollateralschaden seit Jahrtausenden akzeptiert, könnte aber jederzeit geändert werden, wäre da nicht die Angst der Mächtigen bzw. Kapitaleigner, um den Erhalt ihres Sahne abschöpfenden Systems, in dem diese Fehler als Gott gegeben hinzunehmen sind (Religionen).

        1. Beide haben recht. Es ist ein systemisches Problem, dass aber bewusst und gezielt aufrecht erhalten wird.

          Hinzu kommt noch: Der Zinseszins als leistungsloses Einkommen setzt die Möglichkeit großer Kapitalanhäufung voraus, um einen großen Wachstumseffekt zu erzielen. Die große Kapitalanhäufung, und dies ist das zweite (oder erste) systemische Problem, geschieht durch die Gewinnaneignung der Eigentümer des Unternehmenskapitals, den zumeist andere erarbeitet haben, die aber überwiegend mit Niedrigstlöhnen abgespeist werden.
          Diese Okkupation des Gewinns ist das grundlegende leistungslose Einkommen, durch dessen Verzinsung es dann weiter wundersam vermehrt wird.

          An die Ursachenbeseitigung beider leistungsloser Einkommen geht niemand ran, weil die wahrhaft Herrschenden eben die Bezieher dieser Einkommen sind.

        2. @hwludwig
          Das mit dem Zinseszins auf der Basis von Nichts, der Geldschöpfung in privaten Händen aus dem Nichts, (wofür alle arbeiten müssen) ist nur ein Teil der Miete.
          Der andere Teil ist die Gelderzeugung im UCC /Treasury-System auf der Basis von Geburtsurkunden mit eindeutiger Steuernummer auf der Basis der Kollaterale der jeweiligen Länder. Das wurde nach 1930 für die USA (drei Firmen) angeschoben und nach der Gründung der BIZ in Basel 1930 ab 1933/34 (ebenfalls exterritorial, wie die City of London) auch für Deutschland begonnen. Der Termin dürfte mit den faschistischen Steuergesetzen übereinstimmen (1934/35).

          England hatte vor dem ersten Weltkrieg etwa 63 Länder unterworfen und unter das Handelsrecht gebracht (die Sonne ging niemals unter im Empire). Die Planungen der Weltherrschaft und zur Weltplünderung wurden gern Deutschland unterstellte, waren die schon längst Wirklichkeit waren. Aber auch das ist nur das sichtbare Spiel, daß über die City of London finanziert und auf Weisung der Weltherrscher (gobaler Prädiktor) organisiert wurde und wird. Über der sichtbaren Pyramide der Herrschaft ist immer eine völlig unsichtbare, wie oben, so unten, wie sichtbar, so unsichtbar.

          Stark vereinfacht und ein wenig einseitig:
          Wie übernimmt und regiert die globale Elite andere Länder (W Pjakin)

      1. korrekt!
        dadurch „bedingt“ auch die höheren abgabelasten.
        aber die dämlichsten aller affen2.0, lassen sich ja widerstandslos im schnitt über 2. und 3. besteuerung mindestens 60% bis zu 75% ihrer erbrachten leistung von den wahren staatsschmarotzern RAUBEN!
        insofern – selber schuld!
        und vom erteilen der generalvollmacht alle jahre wieder durch abgabe der souveränität will ich nicht schon wieder anfangen, da die mehrheit ja alle trotzdem ihrer heiligen staats religion huldigen!
        dumm wie brot das pack….

        1. Was wir sehen, ist eine Kündigung des gegenwärtigen Gesellschaftsvertrages. 2013 hat der Papst die
          Legitimität der Tot-Mann-Firmen aufgehoben (Person ab 7. Lebensjahr als tot bewertet). Danach soll der Gesellschaftsvertrag „Neue Weltordnung“, was bedeutet, daß niemand außer den Herrschenden Eigentum hat, keinen Anspruch auf einen bestimmten Lebensraum oder eine bestimmte Versorgung hat.
          Die Umwandlung in dieses System sehen wir jetzt, auch wenn es nette Geschichten gibt.

  2. In den durchwegs linken Medien werden andauernd Umverteilung, Helfen müssen, Ungerechtigkeit (im Sinne von Ungleichheit) usw. thematisiert. Und trotzdem nehmen diese Probleme immer weiter zu. Oder etwa genau deshalb?! Man darf nicht vergessen, dass linke Regime schon immer Armut produziert haben.

  3. danke Herr Ludwig für diese eindrucksvolle Geschichte.
    Dieser gesunde Menschenverstand fehlt leider heute an vielen Stellen.

  4. Der verurteilende Bürgermeister und Richter, hatte einen schönen Einfall oder war ein weiser Richter über den hungernden Brotdieb. Dies beschreibt den Menschen= den Richter, wohl etwas zu kurz. Dieser Mensch hat Empathi oder auch Einfühlungsvermögen oder etwas genauer, er hat die Fähigkeit sich in jemanden einzufühlen, sich an jemandens Stelle zu denken. Nicht nur das, er zeigte tätige Nächstenliebe gegenüber den notleidenden Brotdieb. Kurz, der Richter übte Barmherzigkeit und half dem notleidenden Brotdieb und dessen Familie ihren Hunger zu stillen, unter Einhaltung geltender Gesetze.
    Zu Nächstenliebe und der Nächste sein, eine Bemerkung. Man kann einem Notleidenden jederzeit Nächstenliebe entgegen bringen, aber er wird nicht automatisch mein Nächster, der Geholfene wird erst mein Nächster, wenn er mir auch Nächstenliebe entgegen bringt oder bringen will. Schaut man in moderne Duden oder Lexika, da sind die Wörter Barmherzigkeit und Nächstenliebe kaum zu finden und schaue ich mir die Gesichter in den Straßen an, scheint der genannte Bürgermeister und Richter ein sehr seltener Mensch zu sein.

  5. Ein Kommentator, der namentlich nicht genannt werden will, schrieb:

    „Das Zuviel des Guten ist der Anfang vom Bösen.

    „Und nun bestrafe ich jeden Anwesenden in diesem Gerichtssaal mit einer Buße von fünfzig Cent – und zwar dafür, dass er in einer Stadt lebt, wo ein Mensch Brot stehlen muss, um essen zu können! –“

    Hier wird die Grenze vom Guten zum Bösen eindeutig überschritten, und deshalb erhebe ich hier – scheinbar als Einziger – Einspruch!

    Begründung: Das Urteil, das LaGuardia über den Brotdieb fällte, war gerecht. Punkt. Dass der Richter dann Mitgefühl mit dem Angeklagten zeigte und ihm deshalb die von ihm geforderte Strafe von 10 Dollar schenkte, war ein Akt der Nächstenliebe – letztlich aber seine Privatsache!
    Dass er sich dann aber zu einer willkürlichen und völlig ungerechtfertigten KOLLEKTIVEN VERURTEILUNG aller im Gerichtssaal Anwesenden hinreißen ließ, hatte nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern war nur noch Ausdruck seiner Gier nach Macht – womit er die Grenze vom Guten zum Bösen eindeutig überschritten hatte; die Grenze, bei deren Überschreiten Weisheit zu Dummheit wird; die Grenze, an der Liebe sich in Machtgier und Machtmissbrauch verwandelt.
    Im Großen wie im Kleinen!“

    Dazu meine Erwiderung:

    Der geschätzte Leser übersieht, dass die „Verurteilung“ der Zuschauer zu 50 Cent natürlich sozusagen augenzwinkernd geschehen ist, denn natürlich gab es dazu keine rechtliche Möglichkeit, da ein solches Gesetz gar nicht bestand und besteht. Die „Strafe“ hätte auch gar nicht eingetrieben werden können. Aber die Zuschauer haben das natürlich richtig verstanden und den geringen Betrag dem armen Schlucker gerne gespendet.

  6. der Richter hat wohl einen schlechten Tag gehabt,das Verfahren hätte er ohne weiteres einstellen können,vielleicht mit der Begründung

    das der Brotdieb keinen Diebstahl nach dem Gesetz begangen haben kann,sondern lediglich in der Form veränderte Hehlerware entwendet hat.Der Hehlerei aber war der Brotdieb nicht angeklagt,mithin war der Bäcker selber im Besitz von Hehlerware und damit in keinem Fall antragsberechtigt auch wenn er professionell diese nicht ihm gehörende Ware schnell zu Brot verarbeiteten musste um sie als seine Ware ausgeben zu können.
    Mit dieser voran gegangenen Straftat des Bäckers hat der Brotdieb nichts zu tun, er war zwar zur Tatzeit nahe am Brot was auch erwiesen ist,aber trotzdem nicht nah genug um den Bäcker das Brot entwenden zu können.Jedenfalls ist der Bäcker nicht antragsbefugt für Diebstahlanzeigen von entwendeter Hehlerware.Für eine Diebstahlsanzeige hätte er für genau dieses Brot selber Eigentümer sein müssen,nachgewiesenermaßen ist er das eben nicht,von daher war das Verfahren einzustellen.

    Anmerkung von mir damit das auch richtig verstanden wird:
    Bauer,Müller und Bäcker tauschen lediglich ihre investierte Arbeitsenergie die sie aufgewendet haben um die Produkte herzustellen,denn dem Bauern gehört nicht mal das erste Korn.Der Richter als Endverbraucher profitiert jedoch auch davon,würde er so argumentieren wie oben beschrieben,dann säßen alle auf der gleichen Bank die logischerweise Anklagebank heißen würde

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