Vergebliche Flucht

Zum Jahreswechsel, der bei aller Fröhlichkeit auch zum Rück- und Vorblick auf das Leben Anlass gibt, sei eine kleine Geschichte aus „Tausendundeine Nacht“, der Sammlung morgenländischer Erzählungen indischen oder persischen Ursprungs, zum Besten gegeben. Sie erinnert den Menschen an die Begrenztheit seines Willens und die Macht des Schicksals. (hl)

csm_Europa_Rosarium_Sangerhausen_Green_Flag_Award_a10690e1df

Es lebte einmal ein Kaiser von China, Sohn des Himmels und mächtigster Herrscher der Welt. Eines Abends ging er über die blühenden Terrassen seiner kaiserlichen Gärten und erfreute sich an der Schönheit seiner Rosenbüsche und dem Duft ihrer Blüten.

Da stürmte plötzlich sein oberster Gärtner die Treppe herauf und stürzte dem Kaiser vor die Füße. „O allmächtiger Herr“, rief er, „eben, als ich dort unten deine Rosenbüsche begoss, sah ich vor mir den leibhaftigen Tod. Hinter einem Baum spähte er hervor und drohte mir mit der Faust, sicher will er mir an das Leben! Leihe mir, Herr, dein schnellstes Ross, das rascher ist als der Westwind, und lass mich nach deinem verborgenen Schloss Tschanga entfliehen, das du in den Bergen versteckt hast; dort wird mich der Tod nicht finden. Noch vor Aufgang des Mondes kann ich dort sein.“

„Nimm das Ross“, sagte der Kaiser. „Um sein Leben zu bewahren, muss man alles einsetzen.“ Der Gärtner stürmte davon nach den Ställen. Bald hörte man den Hufschlag des entfliehenden Rosses, und wie der Blitz verschwand es in der Ferne.

Sinnend ging der Kaiser weiter. Aber plötzlich sah auch er den Tod dicht vor seinem Weg mitten in den Rosen. Doch der Kaiser fürchtete sich nicht, sondern trat ihm rasch entgegen und fuhr ihn an: „Warum erschreckst du mir meinen Gärtner und bedrohst mir meine Leute hier?“ Tief verneigte sich der Tod und sagte: „Erhabener Herr, Sohn des Himmels, verzeihe mir, dass ich dich erzürnte. Ich habe deinen Gärtner nicht bedroht. Als ich ihn so unerwartet hier vor mir in deinen Rosen sah, konnte ich mir ein Zeichen der Verwunderung nicht unterdrücken. Denn heute früh, als der Herr des Himmels, Euer Gebieter und der unsere, seinen Dienern seine Befehle gab, da gebot er mir, diesen deinen Gärtner heute Abend beim Mondaufgang in deinem Schloss Tschanga abzuholen. Darum wunderte ich mich, dass ich ihn hier traf, so weit von jenem Schlosse entfernt.“

Da verneigte sich der Kaiser ehrfürchtig vor dem unsichtbaren Herrn über Leben und Tod, blickte lange in den roten Kelch einer Rose und dachte: „Da rast nun der Mann auf dem schnellsten Pferd, das niemand einholen kann, vor dem Schicksal fliehend, seinem Schicksal entgegen.“

—————————————–
1   Aus: Kurze Geschichten zum Nacherzählen, Stuttgart 1972

Advertisements

10 Kommentare zu „Vergebliche Flucht“

  1. Eine schöne Geschichte zum Jahreswechsel, Dank an Herrn Ludwig für diesen Blog, die vielen Anregungen und Gedanken. Alles Gute und Gesundheit im neuen Jahr.

  2. Ihnen, Herr Ludwig, Gesundheit und Zufriedenheit für das neue Jahr.
    Ihre Artikel sind so wertvoll.
    Danke für die schöne Geschichte. So ist das mit dem Schicksal.

      1. Noch etwas aus der polarisierenden Richtung- es wird die Situation beschrieben, nicht die dreidimensionale Steuerung – schon gar nicht das Warum:

        Wie auf den Schultern der Flüchtlinge ein Weltkrieg geplant wird (Valeriy Pyakin 7.9.2015)

  3. Viel Glück im Neuen Jahr für uns alle. Vielen Dank lieber Herr Ludwig. Ob uns Frieden beschert bleibt ?

Kommentare sind geschlossen.