Die Erscheinung des Logos – oder: Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken?

„Das Glück deines Lebens hängt von
der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.“
Marc Aurel (121-180)

Den ganzen Tag gebrauchen wir unser Denken, denn es konstituiert wesentlich unser Bewusstsein. Doch kennen wir es eigentlich? Im gewöhnlichen Bewusstsein erleben wir unser Denken selbst gar nicht, sondern immer nur durch das Denken das, was gedacht wird. Wir sind den Inhalten des Denkens hingegeben, der Prozess des Denkens selbst bleibt dagegen unbemerkt im Hintergrund. Wie kommen die Inhalte der Welt in unser Denken herein, und wie können sie allen Menschen gemeinsam sein? Die Fragen sind nicht müßig. Ihnen nachzugehen, eröffnet ungeahnte Perspektiven der Welt- und Selbsterkenntnis. (Langsam zu lesen:)

Das Erkennen

Wahrnehmen und Denken sind die beiden Elemente unserer Erkenntnis. Was eine Wahrnehmung ihrem Wesen nach ist, kann uns nur im Denken als Begriff oder Idee aufgehen, die wir mit der Wahrnehmung verbinden. Das innere Wesen der Dinge erscheint uns als Inhalt des Gedankens, die äußere Erscheinung als Wahrnehmung.

Auf welche Rätselfrage wir auch immer Antwort suchen, wir suchen sie in unserem Denken; und wir geben uns mit einer Antwort nur zufrieden, wenn sie unserem Denken einleuchtet. Alle Sicherheit der Erkenntnis ist im Lichte unseres Denkens begründet.
Selbst wenn man in kurzschlüssiger Resignation dem Denken letztlich die Möglichkeit absprechen wollte, zu gültigen, wahren Aussagen zu kommen, kann dieses Urteil auch wieder nur durch das Denken geschehen – wobei unbemerkt doch die Kraft des Denkens, zu gültigen Aussagen zu kommen, vorausgesetzt wird. –
Wir können aus dem Denken nicht heraus. Es ist das Lebenselement unseres Ich, der geheimnisvolle Quell unseres Bewusstseins, in dem sowohl das Ich zu sich selbst erwacht, als auch alle Erscheinungen der Welt sich ihrem innersten Wesen nach aussprechen können.

Dabei kommen natürlich mehr oder weniger viele Irrtümer vor. Aber der Irrtum lebt davon, dass es die Wahrheit gibt; er setzt sie begrifflich voraus. Ja er hüllt sich gerade in ihren Mantel, gibt sich als die Wahrheit aus, um unentdeckt zu bleiben. Über beide kann keine andere Instanz als das Denken entscheiden. Sowie auch nur einmal das Ergebnis eines Erkenntnisvorganges als Irrtum durchschaut wird, hat damit das Denken seine Macht als Wahrheitsinstanz bewiesen. Und wir empfinden die Aufgabe, es zu immer größerer Objektivität und Klarheit auszubilden.

In unserem Denken sind wir mit der die Dinge und Wesen der Welt bildenden Weisheit verbunden, auch wenn wir sie nicht als solche verstehen. Wir müssen unser Denken selbst in Bewegung setzen, aber die Inhalte unserer Gedanken, unserer Begriffe und Ideen, haben ihren Ursprung nicht in uns, sondern in der die Welt durchflutenden und sie konstituierenden Weisheit; und von der Aktivität unseres Denkens hängt es ab, wie tief wir in sie eindringen und wieviel wir von ihr erfassen können.

Die Weisheit in der Welt

Wir beobachten in der uns umgebenden mineralischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen Welt ein unaufhörliches Entstehen und Vergehen. Nichts hat dauerhafte irdische Existenz. Wie aus einem unsichtbaren Hintergrund treten – in stark unterschiedlichem Zeitverlauf – ständig Gestaltbildungen in die Erscheinung, entfalten sich, erreichen einen Höhepunkt und lösen sich mehr oder weniger langsam wieder auf, wenn sich die Kräfte, die in ihnen gestaltend wirken, in die Verborgenheit zurückziehen. Alles Irdische unterliegt dem Gesetz von Entstehen und Vergehen, Geburt und Tod.

Wenn man nicht in dem unwissenschaftlichen, gedankenlosen Aberglauben gefangen ist, dass die Materie eben „irgendwie“ aus sich heraus so unterschiedliche Dinge aufbaue, muss man sich fragen: Wo haben die Kräfte ihren Ursprung, die verschiedene indifferente Stoffe aus der physischen Umgebung zusammenziehen und zur Schönheit einer mineralischen Kristallbildung, zum Organismus einer duftenden Rose, eines geschmeidigen Leoparden und der menschlichen Gestalt mit ihrem intelligenten, komplizierten Zusammenspiel aller Teile und Funktionen aufrufen?

Von einem im Walde gefundenen Motor nehmen wir vernünftigerweise nicht an, dass sich seine Teile „irgendwie“ zufällig so zusammengefügt haben, sondern wir können nur denken – wenn wir denken – dass die Konstruktionsidee des Motors von einem intelligenten Geist erdacht und in die materielle Realität hineingestaltet worden sein muss. So kann unser Denken auch bei den Naturerscheinungen sinnvollerweise nicht von zufälligen Zusammenballungen ausgehen, sondern muss sie auf einen oder verschiedene intelligente Geister zurückführen, aus deren Weisheit der ideelle Bauplan gebildet und materiell ausgestaltet worden ist. Dass sie mir, wie auch der Motor-Erbauer, nicht sichtbar sind, ist kein Beweis dafür, dass sie nicht existieren.

Die Weltvernunft (der Logos) in uns

Die Frage nach dem Ursprung der in der Welt wirkenden schöpferischen Weisheit und ihrem Zusammenhang mit den im Denken des Menschen auftretenden Ideen hat bereits intensiv die frühen griechischen Philosophen beschäftigt. Der Grieche Heraklit, der etwa von 550 – 480 vor Christus an der kleinasiatischen Küste in Ephesus lebte, prägte als erster für das zentrale Göttliche, das als erschaffende Geistes- und Weisheitskraft allem Gewordenen und allem menschlichen Denken zugrunde liegt, den Ausdruck „Logos“.

Der Logos ist das „Weltenwort“, auf dessen Flügeln die schöpferischen Weltgedanken gleichsam aus göttlichem Munde hinausströmen und sich gestaltend in alle irdischen Erscheinungen verdichten. Der Logos ist ewig, vor aller Schöpfung vorhanden, er ist die Weltenvernunft, die alles Sein durchtönt und in die Vielfalt der irdischen Erscheinungen hineinverstummt, sich die unterschiedlichsten Leiber bildend, durch die es in der Welt wirken kann. Je höher das Geschaffene organisiert ist, desto mehr beginnt der Logos aus seiner Hülle wieder hervorzutreten: in den Pflanzen offenbart sich zum mineralisch Toten das Leben, in den Tieren tritt zu beidem das Beseelte hinzu.

Im menschlichen Geiste erscheint der Geist des Logos selbst, kommt in seinem Bewusstsein erkennend zu sich selbst und tönt wieder als Wort hervor. Der Mensch als das höchste Logos-Geschöpf auf Erden ist der reinste Ausdruck, der Sohn des Logos. Ist der Logos durch das materielle Kleid aller Dinge und Wesen mehr oder weniger verhüllt, so tritt er im Schrein der Seele des Menschen, in seiner Vernunft, seiner „Logik“ rein und leuchtend in Erscheinung. In unserem Geiste lebt der Logos als in seinem ureigenen Medium auf. Zwischen den Weltgedanken des Logos und den reinen Gedanken des Menschen ist in ihren Tiefen gar keine Trennung. Das Leben in den reinen Gedanken ist zugleich das Leben in Gott.

Doch die Menschen begreifen das nicht, sagte Heraklit, sie bemerken nicht den Zusammenhang ihres eigenen Denkens, ihrer eigenen Logik, mit dem Logos:
„Zu diesem Logos, der ewig ist, finden die Menschen keine Beziehung, weder bevor, noch nachdem sie von ihm hörten. Da doch alles gemäß dieses Logos entstanden ist, gleichen sie Unerfahrenen, auch wenn sie von diesen seinen Worten und Werken erfahren haben.“ 1

Die Unkenntnis des Menschen über diesen Zusammenhang ist Ursache aller Verwirrung und Chaotisierung auf Erden. „Von dem Logos, dem Lenker des Alls, mit dem die Menschen am engsten und ständig vereint sind, sondern sie sich ab, und fremd erscheinen ihnen die Dinge, auf die sie jeden Tag stoßen.“ 2 Der Logos, die Weltenvernunft, ragt in ihre Seelen herein, kann aber dort nur voll wirksam werden, wenn er als Quelle der eigenen Vernunft erkannt und ergriffen wird.

Ob die Menschen die Wahrheit erkennen können, hängt davon ab, ob sie ihr Bewusstsein mit dem Logos der Welt verbinden. Er ragt in alle als die gemeinsame Vernunft herein, kann aber nicht ohne menschliches Zutun wirksam werden. Nur im Schein der inneren Vernunftstrahlen, die von seinem Licht in ihr Denken hereinströmen, sind sie nicht von ihm getrennt. Folglich sind sie dann auch nicht von den Dingen in ihrer Umgebung getrennt, denn dann leuchtet deren inneres Wesen in der menschlichen Seele auf. Die Welt ist Logos-geordnet, und ohne die bewusste innere Verbindung mit dem Logos in ihrem Denken haben die Menschen nicht den Schlüssel zur Welt. Sie  fallen in die Isolierung und Willkür eigen-süchtigen Denkens, und jeder meint, er habe eine eigene Vernunft: „Obwohl der Logos das Gemeinsame ist, leben die meisten, als ob sie eine private Vernunft hätten.“ 3

Dabei wäre unter den Menschen überhaupt keine Verständigung möglich, wenn sie sich nicht in einer gemeinsamen Vernunft (dem Logos) treffen könnten, was im diá-logos, im Dialog, sprachlich zum Ausdruck kommt. Geschieht die Verbindung mit der gemeinsamen Vernunft teilweise oder vollständig nicht, emanzipiert sich die eigene Verstandestätigkeit insoweit vom gemeinsamen Vernunftgrunde, und jeder behauptet seinen persönlichen „Standpunkt“. Es findet eine Atomisierung des geistigen Lebens statt, die notwendig mit Skepsis und Unglauben gegenüber einer objektiven Wahrheit verbunden ist.

Heraklit war ein Priester der Mysterienstätte von Ephesus, einer der bedeutendsten in ganz Griechenland, deren Tempel einer Gottheit geweiht war, in der die Summe aller göttlichen Schöpfer- und Weisheitskräfte verehrt wurde, die lebensspendend den Kosmos durchweben und die zugleich die Erzeuger und Ernährer der menschlichen Gedanken- und Sprachkräfte sind. Ihr als Artemis, lat. Diana, (u.a. Göttin der Jagd) überlieferter Name scheint gegenüber der ursprünglichen Bedeutung profaniert worden zu sein.

Im innersten Heiligtum des Tempels stand eine Statue der Göttin, die mit einer Vielzahl von Brüsten ausgestattet war. Wie für das kleine Kind aus der Brust der Mutter die ernährende Milch des Lebens quillt, so entspringen aus den viel zahlreicheren Brüsten der kosmischen Mutter, der nährenden Mutter, der „Alma Mater“, die schöpferischen Ströme allen Lebens, die sich nach außen in der Gestaltung der Dinge und Wesen, im Menschen selbst als Denken und Sprechen offenbaren.

Der Name „Alma Mater“ hat sich noch bis heute als Bild für die Universität erhalten, um damit auf den Ursprung der ernährenden kosmischen Ströme für das Wachsen des Geistes im Menschen hinzudeuten.

Vom Ursprung des Ich

Doch wenn Vernunft und Sprache des Menschen ihren Ursprung in der Weltenvernunft und im Weltenwort des Logos haben, bleibt die Frage offen, wie es sich mit dem geistigen Wesen des Menschen selbst, seinem „Ich“ verhält, das im Denken lebt und sich seiner bedient. Dem wendete sich zentral die stoische Philosophie zu, die in der Zeit von 330 vor Chr. bis ca. 200 nach Chr. auch in Rom stark verbreitet war und die Logoslehre weiter ausgebaut hat. Der Stoiker Marc Aurel (121 – 180 n. Chr.) wurde gar römischer Kaiser.

Die Stoiker unterschieden grundsätzlich die Beziehung des Logos zu den Naturwesen einerseits und zur Seele des Menschen andererseits. In den Naturwesen, wozu auch der Leib des Menschen gehört, wirken die samenhaften Logoi, die „Logoi spermatikoi“. Sie werden durch das göttliche Wort in die Welt hinausgesandt, verbleiben aber gewissermaßen in seinem kosmischen Kraftfeld; Stein, Pflanze und Tier werden also in ihrem Werden von außen gelenkt und bestimmt. Der Geistkeim des Menschen dagegen, sein Ich, wird vom kosmischen Logos abgespalten, aus seinem Kraftfeld herausgelöst und in die Selbständigkeit entlassen. Es lebt als abgetrennte Logos-Monade im Menschen-Innern, und seine Entfaltung zum Welt- und Selbstbewusstsein erfolgt nicht zwangsläufig. Das Menschen-Ich ist ein Sohn des Logos, es wird nicht von außen bestimmt, seine Entfaltung muss aus dem eigenen Inneren kommen, insofern ja in ihm die volle Logos-Instanz potenziell anwesend ist.

Der Logos im Menschen ist gleichsam sein höherer Genius; er soll die vielfältigen Regungen der Seele, die Triebe, Begierden und Leidenschaften beherrschen und sich als innere Ordnungs- und Führungsinstanz durchsetzen. So schrieb Marc Aurel: „Trachte einzig danach, den Genius rein zu erhalten, den der Logos dir als Spross seines eigenen Wesens zum Führer gegeben hat! Der Geist, der in dir wohnt – der Gott in dir – sei dein Führer.“
Das schließt in sich, dass der Mensch schließlich keiner äußeren Gesetze und Gebote mehr bedarf, die vom Logos außer ihm genommen sind, sondern nur noch der Stimme des Logos in seinem eigenen Innern folgt. Der Mensch ist also ein zur Freiheit veranlagtes Wesen. Der Logos vermittelt dem Menschen ein Bild dessen, was er einmal aus sich selbst heraus werden soll.

Durch den Logos in ihm ist der Mensch mit den über ihm stehenden göttlichen Wesen verwandt. Der Stoiker Seneca schrieb daher: „Der Logos ist den Göttern und Menschen gemeinsam. Bei den Göttern ist er vollkommen, bei den Menschen vervollkommnungsfähig.“ Und in einem Fragment des Areios Didymos heißt es: „Zwischen den Göttern und den Menschen herrscht Gemeinsamkeit durch den Anteil, den sie am Logos haben, der auch das Gesetz des Werdens ist.“ Das macht die eigentliche Würde des Menschen aus, so dass Epiktet schrieb: „Der Mensch erlangt die Würde eines Tischgenossen der Götter und nicht nur eines Tischgenossen, sondern sogar eines Mitregenten.“ Und Seneca brachte es in die Formulierung: „Der Logos-Durchdrungene ist Genosse der Götter, nicht ein untertänig Flehender.“ 4  

In der heutigen allgemeinen Logos-Ferne klingt das alles irreal und phantastisch, und man kann mit Recht auf die Verfassung der meisten Trieb- und Gier-gesteuerten Menschen hinweisen, die alles andere als Logos-erfüllte „Genossen der Götter“, also gleichsam höhere edle Wesen seien. Aber das zeigt nur, wie weit die Menschheit von der inneren Verbindung mit der Weltenvernunft entfernt ist. Dies war schon in hohem Maße vor zweitausend Jahren der Fall, weshalb der Logos offensichtlich Mensch wurde, um der Menschheit neue Kräfte zu bringen.

Die Menschwerdung des Logos

Bereits Philo von Alexandria, der etwa von 25 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte, bezeichnete den Logos als eine Mittlergestalt zwischen der höchsten Vater-Gottheit und den Menschen und sprach oft geradezu formelhaft wiederholend davon, dass der Logos allmählich vom Himmel auf die Erde herabsteige. Doch meinte er dies im geistigen Sinne. Eine irdische Inkarnation des Logos in einen menschlichen Leib konnte er sich nicht vorstellen.

Philo stammte aus einem jüdischen Priestergeschlecht und war zeitlebens ein strenggläubiger Israelit. Aber seine Bildung war umfassend. Neben den Büchern des Alten Testamentes kannte er die griechische Dichtung und Philosophie wie ein gebildeter Grieche. Und mit den Anschauungen der Logos-Philosophen fühlte er sich tief verbunden. Heraklit und Zenon, der Begründer der Stoa, waren ihm „göttliche Männer“, und Platon, dessen Ideenlehre er in seine Anschauungen einbaute, war ihm „ein Heiligster“. Mit dem Christentum ist Philo jedoch nicht in Berührung gekommen.

Es hat etwas Tragisches, dass er mit einem anderen, etwa zwanzig Jahre jüngeren Juden in Jerusalem nicht in Zusammenhang gekommen ist, der ebenfalls hochgebildet und mit der Logoslehre tief verbunden war: Johannes, der spätere Evangelist. Denn dieser konnte in dem in Palästina herumwandelnden und lehrenden Jesus von Nazareth den tatsächlich inkarnierten Logos erkennen und wurde sein bedeutendster Jünger. Im hohen Alter von fast hundert Jahren zog er sich bewusst nach Ephesus, den Ursprungsort der Logoslehre zurück, um hier auf sein langes Leben Rückschau zu halten und aus dem, was er erlebt und erkannt hatte, die weltgeschichtliche Summe zu ziehen.

Im Prolog zu seinem Evangelium blickte er zurück auf den Zeitpunkt der Schöpfung der Welt, da bei dem höchsten Gott nur erst der einzig geborene göttliche Sohn, der Logos, das Weltenwort, vorhanden war; wie alles durch ihn entstanden, alles Leben aus ihm erflossen ist und alles Erkenntnislicht im Innern des Menschen von ihm herstrahlt, die Dunkelheit ihres Erdendaseins erleuchtend. Doch wie schon Heraklit so konstatierte auch Johannes, dass die Menschen abgetrennt von ihm in Finsternis leben und das Licht nicht begreifen. Und Johannes versichert als Augenzeuge und Jünger Jesu Christi: „Der Logos wurde Erdenmensch und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Lehre gehört.“

Es ist tief ergreifend, wie an vielen Stellen die Lehre Christi mit den Worten der Logos-Philosophen übereinstimmt. Wenn Areios Didymos z. B. schrieb: „Zwischen den Göttern und den Menschen herrscht Gemeinsamkeit durch den Anteil, den sie am Logos haben, der auch das Gesetz des Werdens ist“, so brachte Christus dies in das gewaltige Bild vom Weinstock, wie es Johannes in Kap. 15, 1 f. berichtet:
„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht trägt, nimmt er weg, und jede die Frucht trägt, reinigt er, damit sie mehr Frucht trage. Ihr seid bereits gereinigt durch die Kraft des Wortes (des Logos), das ich zu euch sprach. Wohnet in mir (in meinem Logos), so will ich in euch wohnen. Wie die Rebe aus sich selbst heraus keine Frucht tragen kann, sie sei denn durchströmt vom Leben des Weinstocks, so könnt auch ihr es nicht, ihr habet denn die Dauer gefunden in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Ohne mich aber könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht wohnt in mir, wird herausgerissen wie die Rebe und muss verdorren.“

Wenn Seneca feststellte: „Der Logos-Durchdrungene ist Genosse der Götter, nicht ein untertänig Flehender“, so sagt Christus in Joh. Kap. 15, 13 f.:
„Eine größere Liebe kann niemand haben als die, sein Leben hinzugeben für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr dem Auftrag folgt, den ich euch gebe. Ich kann euch nicht mehr Knechte nennen, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Ich nenne euch Freunde, weil ich euch alles habe erkennen lassen, was mir durch meinen Vater kundgeworden ist.“  

Und wenn Marc Aurel sagte: „Der Geist eines jeden (also die Logos-Monade in ihm) ist ein Gott und ein Ausfluss der Gottheit“, so erinnert Christus in Joh. 10, 34 seine Feinde an Psalm 82, 6: „Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt, ihr seid Götter?“ Und bei dem Satz des Epiktet: „Der Mensch erlangt die Würde eines Tischgenossen der Götter und nicht nur eines Tischgenossen, sondern sogar eines Mitregenten“, steigt unwillkürlich das große Bild auf, da Christus mit seinen Freunden als den Repräsentanten der Menschheit beim Abendmahl zu Tische saß.

Das göttliche Dasein im reinen Denken

Die objektive Realität der Begriffe und Ideen und ihren Zusammenhang mit der Gottheit, aus der sie letztlich in das eigene Denken fließen, haben noch die Philosophen des deutschen Idealismus stark empfunden. Insbesondere Johann Gottlieb Fichte brachte dies deutlich zum Ausdruck in seinen Vorlesungen „Die Anweisung zum seligen Leben“, in denen zugleich eine Interpretation des Johannes-Evangeliums enthalten ist. Er ging davon aus, dass im Grunde in jedem die Sehnsucht nach dem Ewigen lebe. „Unaufhörlich umgibt uns das Ewige und bietet sich uns dar, und wir haben nichts weiter zu tun, als dasselbe zu ergreifen.“ 5

Alle Glückseligkeit ist damit verbunden. Aber in dem, was den Sinnen als Endliches unmittelbar entgegenkommt, ist es letztlich nicht zu finden, da bleibt der Mensch ebenso leer wie zuvor.
Das Element, der Äther, – die substanzielle Form … des wahrhaftigen Lebens ist der Gedanke. … Das Ewige … kann lediglich und allein durch den Gedanken ergriffen werden und ist, als solches, auf keine andere Weise uns zugänglich. … Und so besteht das wahrhaftige Leben und seine Seligkeit im Gedanken, d.h. in einer gewissen bestimmten Ansicht unserer selber und der Welt, als hervorgegangen aus dem inneren und in sich verborgenen göttlichen Wesen. … Im Geiste, in der in sich selber gegründeten Lebendigkeit des Gedankens, ruhet das Leben; denn es ist außer dem Geiste gar nichts wahrhaftig da. Wahrhaftig leben, heißt wahrhaftig denken und die Wahrheit erkennen.“ 6

Damit wird das Denken zugleich zum inneren Wahrnehmungsorgan für die Gottheit. (Ich weiß und erkenne), „dass man nur durch das eigentliche, reine und wahre Denken und schlechthin durch kein anderes Organ die Gottheit erkennen und das aus ihr fließende selige Leben ergreifen und an sich bringen könne. (…) Darin besteht die Religion, dass man in seiner eigenen Person, und nicht in einer fremden, mit seinem eigenen geistigen Auge, und nicht durch ein fremdes, Gott unmittelbar anschaue, habe und besitze. Dies aber ist nur durch das reine und selbständige Denken möglich. …  Das reine Denken ist selbst das göttliche Dasein, und umgekehrt: das göttliche Dasein in seiner Unmittelbarkeit ist nichts anderes als das reine Denken.“ 7

Das Erfassen des reinen Denkens

Nun werden sich Leser mit Recht sagen: Aber ich erlebe kein göttliches Dasein in meinem Denken. – Im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein bleibt uns das Denken als Prozess auch völlig unbewusst, nur das jeweilige Ergebnis des Denkprozesses, das Gedachte, also Begriffe und Ideen fallen ins Bewusstsein. Was wir im gewöhnlichen Sprachgebrauch das Denken nennen, ist eigentlich das Erscheinen des Gedachten. Wir sind zunächst nicht fähig, die Gegenwart des denkenden Bildeprozesses der Begriffe zu erleben, der uns vorbewusst bleibt. Wir haben es nur mit den sofort in die Vergangenheit fallenden fertigen Begriffen zu tun. Und diese sind nicht mehr lebendig, sondern schattenhaft, erstarrt, gewissermaßen abgestorben. Daher können sie auch nur Totes begreifen.

Platos Höhlengleichnis ist dafür ein treffendes Bild („Staat“, 7. Buch): Wir sitzen gefesselt in einer Höhle und können nur vor uns auf die hintere Wand blicken. Hinter uns brennt ein Feuer, das die Wand vor uns erleuchtet. Und zwischen unserem Rücken und dem Feuer tragen Wesen allerlei Dinge vorüber, deren Schatten vor uns auf die Wand geworfen werden. Nur diese Schatten fallen in unser Bewusstsein.
Dies ist die Situation unseres gewöhnlichen schattenhaften Denkens. Um das lebendige, wesenhafte Denken zu erfassen und zu erleben, müssen wir uns von den Fesseln befreien, um uns sozusagen umwenden zu können. Dazu ist eine höhere Willensanstrengung notwendig, als sie im gewöhnlichen Denken geschieht.

Wenn man sich über längere Zeit auf einen höheren Gedanken, der nicht durch äußere Eindrücke hervorgerufen ist, konzentriert und auf ihm immer wieder in meditativer Hingabe willentlich ruht, durchdringt man allmählich die Fläche des Gedankens und beginnt die dahinter verlaufende Tätigkeit des Denkens selbst zu erleben. „Und die Gedanken erfüllen sich mit einem ihnen eigentümlichen Leben, das der Denkende verbunden fühlt mit seinem eigenen Seelenwesen.“ Man erlebt also, wie die Begriffe und Ideen nicht mehr fest, schattenhaft sind, sondern inneres Leben haben, wie ein Gedanke selbst den nächsten Gedanken sucht und sich ein zusammenhängender Ideenorganismus bildet, von dem man den Eindruck hat: Nicht ich denke dies, sondern es denkt, das Weltendenken, der Logos, denkt in mir. – Dies kann hier ja nur angedeutet werden.8

Wer so erlebend in den Prozess des Denkens als in ein von ihm unabhängiges, objektives geistiges Geschehen eintaucht, „lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden Wesensweben darinnen.“ 9 Es ist eine Fülle des Erlebens, die auch mit dem gewöhnlichen Fühlen und Wollen nicht verglichen werden kann. Diesen gegenüber ist das gewöhnliche Denken kalt und scheint das Seelenleben auszutrocknen. „Doch dies ist eben nur der stark sich geltend machende Schatten einer lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit. Dieses Untertauchen geschieht in einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.“ 10  Es ist die willensdurchdrungene, weisheitsvolle Liebe des Christus-Logos.

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1    Zitiert nach Wilhelm Kelber: Die Logoslehre, Frankfurt/M 1986, S. 22
2    a.a.O., S. 27
3    a.a.O., S. 26
4    Zitiert nach Wilhelm Kelber a.a.O. S. 64,65, 66
5    J. G. Fichte: Anweisung zum seligen Leben, Stuttgart 1962, S. 19
6    A.a.O. S. 22, 23
7    a.a.O. S.  31-32
8    Vgl. dazu Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel, Dornach 1957, S. 159 f.
9    Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, Stuttgart 1955, S. 149
10  a.a.O., S. 147

 

 

 

24 Kommentare zu „Die Erscheinung des Logos – oder: Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken?“

  1. Nur Beobachter können denken.
    Jede Logik scheitert an der Wirklichkeit.
    Alles ist im Fluss.
    Alles muß ständig in neue Zusammenhänge gebracht werden.
    Der Denker wird gedacht, die Wirklichkeit denkt er sich nicht, sie erscheint in ihm.
    Der Denker wird zum Seher: er erkennt den Weltenlauf.

  2. Ich möchte es mal so ausdrücken, der Logos spricht zu dem Verführten: „Deine geistige Vorstellungskraft ist durch deine Lebenszeit eingegrenzt. Nimm sie, lass sie sich beide entfalten!“ Denn hier irrt Heraklit und das ist das Problem mit der Akzeptanz am Logos: so großartig er sich auch darstellen mag, er ist letzten Endes mit des Menschen Geisteswelt entstanden und unterliegt daher selbst einer Abgrenzung. Der Logos kann existieren, muss aber nicht. Und wenn er existiert, könnte er ein Ende haben. Doch selbst wenn er kein Ende hätte, hatte er einst einen Anfang. Also kann Logos nicht gleich Gott sein, jedoch kann er von ihm kommen. Johannes und Heraklit hätten sich trefflich gestritten.

  3. Interessant zu beobachten, wie eine so hochgeistige Thematik bisher so wenig Resonanz in den Kommentaren findet. Sind die anthroposophischen Leser nicht fähig dieser zu folgen? Sollten diese eigentlich schon, denn im Grunde genommen geht es im wesentlichen um die Erweiterung und um die Erkenntnis der geistigen Welten in uns und um uns herum. Denn diese Thematik ist der Schlüssel zum Verständnis von Rudolf Steiner und seinem Erkenntnisweg.

    Nicht nur für Astrologen ist die Frage „Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken“ erstens falsch gestellt, diese sollte eigentlich lauten „Wie kommt die Weisheit des Logos in unser Denken“ und für Astrologen eher von rhetorischer Natur.
    Das für diese Thematik zuständige Sternzeichen ist das des Schützen, bzw. sein Repräsentant Jupiter. Wenn wir diesbezüglich sein Radix betrachten, so findet sich Jupiter am MC (=Hr2 in Hs10). Anhand dieser astrologischen Betrachtung mußte er seiner Bestimmung folgen, seine Weisheit wie ein Leuchtturm in der Welt zu verbreiten, bzw. eine gigantisch anmutende Burgfestung auf einem Berg – näher gesehen, eher einem Hügel in der Nähe Dornachs – erbauen. An diesem Hügel nehmen sich die erbauten Domizile im Umfeld eher wie Puppenhäuschen aus (=Jupiter opp Venus).

    Die Darstellung einer überlegenen und architektonischen (=Uranus qua Saturn), sowie einer geistigen Dominanz birgt auch immer die Gefahr, sich zu sehr an einem Leitsymbol auszurichten, als die eigenen geistigen Fähigkeiten zu gebrauchen. Denn wie anders könnte es zu erklären sein, das nach fast hundert Jahren nach Steiners Tod bei den Anthroposophen die professionelle Astrologie immer noch so wenig Widerhall findet? Die wenigen sind mit der Lupe zu suchen und an einer Hand abzuzählen

    Wer sich eingehender mit Rudolf Steiner und noch parallel zu seiner Lebenszeit entwickelnden Astrologie informieren möchte, empfehle ich meine Beiträge beginnend unter
    http://astroconsultant.de/rudolf-steiner-und-die-astrologie-1.

    1. @astroConsultant
      Dieser Blog wendet sich nicht an die Anthroposophen, sondern an die allgemeine Öffentlichkeit und wird nach meiner Wahrnehmung auch nur von verhältnismäßig wenigen Anthroposophen regelmäßig gelesen.

      Ihr Einwand, die Frage „Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken“ sei falsch gestellt, sie sollte eigentlich lauten „Wie kommt die Weisheit des Logos in unser Denken“, ist ja etwas sophistisch, wenn doch die Weisheit der Welt die des Logos ist.
      Meine Frage ist vom Gesichtspunkt der menschlichen Erkenntnis gestellt, die zunächst der Welt gegenübersteht und die in ihr wirkende Weisheit erfassen will.

      1. Den Eindruck einer allgemeinen „Logos-Ferne “ teile ich ebenfalls. Es scheint eine Anti-Logos(personifiziert) zu existieren, dem es sehr wichtig ist, dass es bei dieser Logos-Ferne bleibt, damit der Mensch sich nicht zu dem entfalten kann, was nicht nur möglich, sondern auch als Ziel erforderlich ist.

      2. Ich halte die Leser dieses Beitrages sehr wohl in der Lage, den bedeutsamen Unterschied – den sie als spitzfindig bezeichnen – zwischen der Weisheit dieser Welt und der Weisheit des Logos zu erkennen. Es war die Absicht von Rudolf Steiner, das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltenall zu führen. Aber worin bestünde die Weisheit dieser Welt, wenn wir diese nur aus dieser Welt schöpfen würden? Bestünde diese im Extremfall darin, den bisherigen unermeßlichen Freveltaten immer neue hinzu zufügen oder darin, die Weisheit und Absicht der allumfassenden Schöpferkraft zu erkennen?

        Sie setzen die Weisheit der Welt annähernd mit der Weisheit des Logos gleich. Dem ist aus meiner Sicht nicht so. Obwohl die irdische Welt aus der Weisheit der allumfassenden Schöpferkraft erschaffen wurde, kann man nicht davon ausgehen, das diese automatisch die Leitlinien in sich birgt, die liebevolle Absicht aus der rein irdischen Sichtweise erkennen zu können. Es ist die Aufgabe aller Menschen, sich immer wieder vor Augen zu halten, was die liebevolle Absicht der allumfassenden Schöpferkraft ist und was die Widerstandskräfte bewirken wollen.

        1. @astroConsultant
          Meine Güte, die Frage „Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken?“ steht im Titel und spricht den Menschen in seinem erkennenden Verhältnis zur Welt an, in dem er zunächst steht. Das besondere Verhältnis zum Logos, das wieder das Verhältnis zur Welt befruchtet, ergibt sich ja dann im Artikel.
          Bitte keine einseitige Dogmatik.

  4. Lassen wir einmal Rudolf Steiner zu Wort kommen. Ich zitiere aus einem Abendvortrag, den er am 5. März 1922 in der Philharmonie Berlin gehalten hat . Laut Steiner gehe es einerseits um das Denken, andererseits jedoch um die „Herstellung eines leeren Bewusstseins“.
    Diese sei „der zweite wichtige Akt auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis“.
    Zitat weiter: “ Wir haben jetzt nichts im Bewusstsein, weder von äusseren Eindrücken, noch von inneren Erinnerungsvorstellungen, wir haben das Bewusstsein vollständig leer gemacht, dann dringt eine geistige Welt, die uns bisher unbekannt ist, in dieses Bewusstsein ein. „

    1. Das ist die eigentliche Wahrheit, solange wir Worte verwenden, kleben wir Etikette und Begriffe auf etwas, das nicht durch Worte und Begriffe erfasst werden kann. Erst jenseits der Worte eröffnet sich die Tiefe des Seins.

  5. Es muss wohl unterschiedliche Arten der Wahrnehmung und des Denkens geben, anders sind die bei unterschiedlichen Menschen beobachtbaren unterschiedlichen Ergebnisse nicht zu erklären.

    1. Vielleicht hilft, die Augen fest zu schliessen, Wachs in die Ohren zu stopfen und den Gehirnskasten abzustellen ?
      Sind wir dann alle gleich ? SPD wie CDU ? Jacke wie Hose ? Zucker wie Salz ?

    2. @Realistischer
      Nein, es gibt unterschiedliche Abirrungen vom Logos. Wobei man natürlich bei verschiedenen Denkweisen und Ergebnissen zunächst klären muss, ob sie nicht insoweit nebeneinander berechtigt sind, also mit dem Logos übereinstimmen, als sie eine Sache zutreffend von verschiedenen Gesichtspunkten behandeln, einander also nicht widersprechen, sondern ergänzen.

  6. Wieder ein sehr wertvoller Betrag, unter den vielen anderen. Vielen Dank dem Verfasser!
    Das mit dem „Motor im Wald“ hat irgendwie etwas sehr plastisches, besonders für jemanden aus der Kfz-Branche. 🙂

    Das im letzten Abschnitt beschriebene ist den Texten und Überlieferungen des Meister Eckhart recht ähnlich, für Ihn (be)fand sich ja das Göttliche im Seelengrund.

    Klar ist jedenfalls das sich im reinen Materialismus niemals eine belastbare Ethik begründen kann.

    Dennoch, ich muß ganz ehrlich sagen, bei aller Sympathie für die Leistungen und Beiträge der Vertreter des (deutschen) Idealismus, es fällt mir persönlich recht schwer, das in den letzten beiden Abschnitten des Beitrages geschriebene in mir zu beobachten…….

    Vielleicht sind einem ja in der materialistischen Welt von heute bestimmte Fähigkeiten abhanden gekommen….

    1. Ja, es ist wegen des ungeheuer starken Materialismus viel schwerer als in der Goethezeit. Das geht mir genauso. Aber man ahnt und erlebt immer mehr, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen muss. Und mit getreulicher Übung macht man Fortschritte.

  7. „Materialismus“

    „Mater“=Mutter. Eine Mutter, die den Kindern weismachen will, es gäbe keinen Vater, behauptet, es gäbe keinen Geist. „Materialisten“ sind wie dumm gehaltene Kinder einer verlogenen Mami, die so tut, als gäbe es keinen Papi.
    Solange man eine unwissende kindliche Rotznase ist, glaubt man solcher Mami alles.
    Aber irgendwann wacht der Mensch auf und fragt nach dem Vater, fragt nach dem Geist.
    Wer versäumt, nach dem Geist zu fragen, glaubt, er sei sein Körper, bis ihm der Tod dieses Werkzeug (!) aus der Hand nimmt.

  8. “Der Logos im Menschen ist gleichsam sein höherer Genius; er soll die vielfältigen Regungen der Seele, die Triebe, Begierden und Leidenschaften beherrschen und sich als innere Ordnungs- und Führungsinstanz durchsetzen.”

    Zunächst wünsche ich Ihnen, lieber Herr Ludwig, eine gutes, neues Jahr!
    Gleichzeitig bedanke ich mich für diesen Artikel, der Balsam für jede suchende Seele ist.

    Leider stelle ich immer wieder fest, wie sich in diesen Zeiten, die niedere Seite des Menschen, teilweise bis zum Exzess austobt. Entweder weil der jeweiligen Seele der “höhere Genius”, der in ihr webt, nicht bewußt/bekannt ist, oder weil sie das göttliche Prinzip in seiner Existenz generell ablehnt und somit von allen guten Geistern verlassen ist.

    Gerade unter den sogenannten alternativen Betreibern im Internet findet sich kaum jemand, der diese Thematik aufgreifen/begreifen würde, außer den Anthroposophen, von denen es immerhin einige wenige gibt, die über den gedanklichen Tellerrand hinaus sehen.

    Obwohl bei den “Alternativen” viele politisch aufgeklärte Menschen schreiben, wollen diese Menschen einzig beim Thema Politik bleiben, da sie die Angst umtreibt, was ja auch verständlich, aber keine Lösung ist.

    Da ich regelmäßig die alternativen Netzseiten besuche, stelle ich fest, wie man sich dort ebenso, wie bei der anderen Seite der Medaille, langsam aber stetig in einen unkalkulierbaren Hass hineinsteigert. Dort will man den “Feind” teilweise hängen oder gepfählt sehen und merkt nicht einmal, wie man durch derartige Gedanken und Vorstellungen, die selbe Stufe einnimmt, die man vorgibt zu bekämpfen.

    Jeden Tag wird ein neues Schweinder‘l durch‘s virtuelle Dorf getrieben! Obwohl den politisch Aufgeklärten längst bekannt ist, wie der Hase läuft, wer im Hintergrund agiert und welche Ziele verfolgt werden, blicken sie wie gebannt, nur auf dieses eine große Bild.

    Es sind aber Gedanken, wie im Artikel beschrieben, die dringend gebraucht werden, die von vielen Menschen erfasst werden müßten, um zu erkennen, wie eine Veränderung/Läuterung im Leben jedes einzelnen Menschen, wiederrum das gesamte Leben dort draußen beeinflussen kann.

    Masaru Emoto ist mit seiner Erfindung der Wasserkristallfotografie beispielgebend. Er zeigt auf, wie Gedanken die Struktur von Materie verändern können.

  9. Da ich gerade selbst ein Video irgendwie zu einem ähnlichen Thema gemacht habe ( https://youtu.be/s76Vf81X0p4 ), möchte hier noch einstellen, was ich gerade als neuen Kommentar unter mein Video gesetzt habe:

    Ich möchte meinen, daß in diesem (meinem) Video eine alternative Position formuliert wird zu der, die ich gerade beim „Fassadenkratzer“ (H. W. Ludwig) finde (1). Er schreibt etwa: „Das innere Wesen der Dinge erscheint uns als Inhalt des Gedankens, die äußere Erscheinung als Wahrnehmung.“ Das klingt Hegelianisch. Der Inhalt des Gedankens kann natürlich Gotterleben sein, ist es aber nicht zwangsläufig. Vom „inneren Wesen der Dinge“ zu sprechen, finde ich aber gut.

    Aber ich widerspreche den Sätzen: „Wir können aus dem Denken nicht heraus. Es ist das Lebenselement unseres Ich, der geheimnisvolle Quell unseres Bewusstseins, in dem sowohl das Ich zu sich selbst erwacht, als auch alle Erscheinungen der Welt sich ihrem innersten Wesen nach aussprechen können.“

    Doch, wir können und müssen aus dem Denken heraus. Das ja gerade ist meine Grundthese, daß dem Denken gleichwertig das ERLEBEN gegenüber steht, das schon von Wilhelm Dilthey erörtert werden, um zur theoretischen Grundlegung der Geisteswissenschaften an sich zu gelangen, und das auch vom Hegel-Freund Friedrich Hölderlin schon mit dem Begriff der „intellektualen Anschauung“ umrissen wurde, die dem Denken an die Seite treten müsse.

    Es ist natürlich wahr, daß alle menschlichen Begriffe, die in letzter Instanz nur mit dem Erleben zu erfassen sind, da sie nichtrationalen Gehalt mit sich führen, „Weisheit“ mit sich führen können, wie der Fassadenkratzer ausführt. Aber die Weisheit liegt eben nicht im Begriff selbst oder im Denken über diesen Begriff, sondern „dahinter“.

    Aha, der Text nimmt auf Rudolf Steiner Bezug. Mit Rudolf Steiner habe ich mich über die Weihnachtstage hinweg auch beschäftigt. Mir war nicht klar, daß Rudolf Steiner fähig ist, ganz und gar katholisch zu denken und zu sprechen. Das hat mich sehr erstaunt. Ach ja, und so kommt schließlich auch der Fassadenkratzer zu der Erkenntnis, daß die „Menschwerdung des Geistes“ in Jesus Christus Ausdruck gefunden hat. Schade, ich hatte – nach den vielen einleitenden Ausführungen – mehr Tiefgang erwartet. Da darf wohl gerne noch ein bisschen an der Fassade der Gedanken- und Gefühlmanipulation durch monotheistische Mächte gekratzt werden.
    ____________________________________________
    1. H. W. Ludwig: Die Erscheinung des Logos – oder: Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken? https://fassadenkratzer.wordpress.com/2019/01/04/die-erscheinung-des-logos-oder-wie-kommt-die-weisheit-der-welt-in-unser-denken/

    1. @Ingo Bading

      Wenn Sie denken Rudolf Steiner hätte „ganz und gar katholisch gedacht und gesprochen“, lesen Sie doch bitte einmal nach, wie Rudolf Steiner tatsächlich dachte:
      “Wenn der Katholizismus die einzige Lehre sein sollte, welche sich über die Menschheit verbreitet, dann könnte die Erde in ihrer Entwickelung auch heute aufhören, denn der Katholizismus rechnet nur mit demjenigen, was sozusagen bis zum 14., 15. Jahrhundert der Menschheitsentwickelung eigen war.” Rudolf Steiner – GA 203, Seite 184.

      “Im Grunde genommen handelt der Katholizismus noch gar nicht von dem Christus, er handelt nur von dem Jesus. Und die modernen evangelischen Bekenntnisse sind ihm in dieser Beziehung durchaus nachgefolgt. Eine wirkliche Christologie ist noch nicht entstanden außerhalb der
      anthroposophischen Geisteswissenschaft.” – Rudolf Steiner – GA 203, Seite 186f

      “Durch die Geisteswissenschaft muß unbedingt herauskommen dasjenige, was des Menschen wahre Wesenheit ist, und was eigentlich auch des Menschen Verhältnis zu dem Christus ist. Dasjenige aber, worum es sich der Kirche immer mehr und mehr gehandelt hat, das war, den Menschen ja nicht zur Aufklärung kommen zu lassen über sein wahres Wesen und über sein
      Verhältnis zum Christus. Man kann sagen, die Entwickelung der abendländischen Konfessionen bestand eigentlich darinnen, einen immer stärkeren Schleier zu ziehen über das eigentliche Geheimnis des Christus.” Rudolf Steiner – GA 198, Seite 122f

      „Die katholische Kirche weiß sehr gut, daß dasjenige, was ich jetzt sage, das Prinzip der neueren Entwickelung ist: das Individualbewußtsein der Menschen heraufzuziehen. Aber sie will es nicht heraufkommen lassen. Sie will das dumpfe Gemeinschaftsbewußtsein erhalten, aus dem nur herausragen diejenigen, die eine scholastische Bildung errungen haben.
      Es gibt ein gutes Mittel, dieses gemeinschaftliche, das dumpfe Bewußtsein zu erhalten – denn es ist immer ein dumpfes Bewußtsein –, und dieses Mittel besteht darin, daß man das gewöhnliche Bewußtsein, das der Mensch schon einmal hat, indem er sich seiner Sinne bedient, daß man dieses herabdämpft, richtig herabdämpft. Daher gehört es auch (wie beim Traum)
      zu der Anforderung des herabgedämpften Bewußtseins, dem Menschen die Möglichkeit zu nehmen, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Wenn man bewandert ist in einer solchen Sache, dann erzählt man den Leuten unter Autorität Dinge, die unwahr sind. Man macht das systematisch. Dadurch dämpft man ihr Bewußtsein bis zu der Dumpfheit des Traumbewußtseins
      herunter. Man will das Bewußtsein herabdämpfen, indem man den Menschen die Lüge beibringt. Es ist ein grandioses diabolisches Unternehmen.“ Rudolf Steiner – GA 198, Seite 125f.

      „Dasjenige, was die katholische Kirche beabsichtigt, ist, die Verbindungs-brücke zu schaffen zwischen dem radikalsten Sozialismus, Kommunismus und ihrer Herrschaft.“ Rudolf Steiner –
      GA 198, Seite 126.

      „Aus dem wirklichen Katholizismus des 8. Jahrhunderts ist die Sozialdemokratie geworden. Und dasjenige, was daneben als Katholizismus da ist, das ist nicht der wirkliche Katholizismus vom 8. Jahrhundert, sondern dessen Imitation, das ist der nachgemachte Katholizismus; denn der wirkliche Katholizismus ist mittlerweile zur Sozialdemokratie ausgewachsen.“
      Rudolf Steiner – GA 191, Seite 190.

    2. @ Ingo Bading: „Aber ich widerspreche den Sätzen: „Wir können aus dem Denken nicht heraus..““

      Mir scheint, dass dem auch Rudolf Steiner widerspricht, denn Steiner wies einerseits auf die Notwendigkeit hin, „unsere Denkkräfte lebendig“ zu „machen“. Zitat direkt weiter: „Wir müssen aber auch die entgegengesetzte Tätigkeit entfalten. Wir müssen dazu kommen, Vorstellungen, auf die wir zuerst alle Aufmerksamkeit verwendet haben,so dass sie in einer gewissen Weise in unserem Bewusstsein haften möchten, nun wieder aus dem Bewusstsein fortzuschaffen, so dass wir in die Lage kommen, ein völlig leeres Bewusstsein herzustellen. Diese Herstellung eines leeren Bewusstseins ist der zweite wichtige Akt auf dem Wege zur übersinnlichen Erkenntnis.“
      Wie passt denn zusammen der Begriff des Denkens mit dem des leeren Bewusstseins ?

  10. Sehr geehrter Herr Ludwig,
    herzlichen Dank für diesen wunderschönen Artikel. Selten habe ich eine so knappe und doch umfassende Darstellung zum Thema „Denken“ gefunden. Ich werde diesen Artikel etlichen Menschen in meinem Bekanntenkreis weiterempfehlen.

  11. Apropos „Geist“ und „Bewusstsein“:

    Sämtliche Kommentatoren sind nichts anderes als „Geister“, die Sie als MEDIUM benutzen bzw. denen Sie als MEDIUM dienen. Da Sie jedoch nicht unter Hypnose stehen, sondern ein voll bewusst(!) arbeitendes MEDIUM sind, tragen Sie selbstverständlich auch die volle(!) Verantwortung für alles, was Sie als MEDIUM an Ihre Leser weiterleiten.

    Tempora mutantur!

  12. „Der Erkenntnisprozeß ist [… ] der Entwicklungsprozeß zur Freiheit.“ — Rudolf Steiner Wahrheit und Wissenschaft, (GA 3, 4. Auflage 1958) S. 88

    Jede Erkenntnis ist immer ein Fortschritt, denn Wissen ist Macht und Unwissen macht Sklaven.

  13. Das ist das Schöne an dieser Zeit:
    Allein die ANWESENHEIT des Lichts, der Hohen Kraft des Heiligen Geistes, genügt, um die Menschen dazu zu bringen, ihr wahres Gesicht zu zeigen. – Und sie können nichts dagegen tun.

    „Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
    Es war die Art zu allen Zeiten,
    Durch Drei und Eins, und Eins und Drei
    Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
    So schwätzt und lehrt man ungestört!
    Wer will sich mit den Narr’n befassen?
    Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
    Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

    „Die hohe Kraft
    Der Wissenschaft,
    Der ganzen Welt verborgen!
    Und wer nicht denkt,
    Dem wird sie geschenkt,
    Er hat sie ohne Sorgen.“

    (aus Goethe’s „Faust“, Vers 2559–2566, 2567–2572)

    Wahrlich, ich sage Euch: allein Eure HINGABE und Euer VERTRAUEN in die Hohe Kraft des Heiligen Geistes sind die Schlüssel, die Euch das Tor öffnen zur Erkenntnis jener WAHRHEIT, die Ihr unbedingt braucht, um in FREIHEIT und in FRIEDEN leben(!) zu können.

    PS (@cs): „Erst jenseits der Worte eröffnet sich die Tiefe des Seins.“ – Wie wahr! DANKE

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