„Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung“ – Gedichte zum Sonntag

Zum Nachdenken und zur Erbauung seien vier Gedichte eingestreut, drei zum Zeitgeschehen von Erich Kästner, mit erstaunlicher Aktualität, und ein wenig bekanntes Naturgedicht von Emanuel Geibel, das die vorher möglicherweise aufgetretene trübe Stimmung wieder aufzuhellen geeignet ist.

DIE DEUTSCHE EINHEITSPARTEI

„Als die Extreme zusammenstießen,
begriff Max Müller, wie nötig er sei.
Und er gründete die Partei
aller Menschen, die Müller heißen.

Müller liebte alle Klassen.
Politische Meinungen hatte er keine.
Wichtig war ihm nur das eine:
Sämtliche Müllers zusammenzufassen.

Seinem Aufruf entströmte Kraft.
„Wir verteidigen“, schrieb er entschieden,
„Rück- und Fortschritt, Krieg und Frieden,
Arbeitgeber und Arbeiterschaft.

Freier Handel und Hochschutzzoll
haben unsere Sympathie.
Republik und Monarchie
sind die Staatsform, die herrschen soll!“

Alle Müllers traten ihm bei.
Und die andern kamen in Haufen,
ließen sich eiligst Müller taufen
und verstärkten die neue Partei.

Und sie wuchs, trotz vieler Brüller.
Kurzerhand ging sie in Führung.
In der nächsten Reichsregierung
hießen zehn Minister Müller.

Diese Müllermehrheit wies
alle aus, die anders hießen
und sich nicht rasch taufen ließen.
Bis ganz Deutschland Müller hieß!

Von Memel bis zum Rande des Rheins
feierten nun die Deutschen Versöhnung.
Im alten Aachen gab’s Kaiserkrönung.
Und der Kaiser hieß: Müller Eins.

Festlich krachten Kanonen und Böller.
Doch das Glück war bald vorbei.
Denn am Tag darauf kam Möller,
und es entstand eine Gegenpartei.“

Erich Kästner, 1932


ELEGIE NACH ALLEN SEITEN                   

„Die bunten Astern winken durch die Gitter.
Die Gärten schminken sich. Das Jahr ist alt.
Der Herbst stimmt nur die Optimisten bitter.
Normale Menschen läßt er kalt.

Die Blätter an den Bäumen kann man zählen.
An manchen Zweigen schaukeln nur noch drei.
Der Wind wird kommen und auch diese stehlen.
Er stiehlt und findet nichts dabei.

Ein blinder Mann verkauft verwelkte Rosen.
Er kann nicht sehen, wie verwelkt sie sind.
Auf einer Bank, umringt von Arbeitslosen,
sitzt singend ein vergnügtes Kind.

Im Pflaster zittern Pfützen aus der Frühe.
Das Himmelblau ist wieder repariert.
Die Sonne scheint. Sie gibt sich große Mühe.
Man merkt die Absicht, und man friert.

Ein alter Mann, welcher vorüberwandelt,
spricht mit sich selber wie ein Wiederkäuer.
Es klingt, als ob er mit dem Tod verhandelt.
Wahrscheinlich ist der Sarg zu teuer.

Die Blätter flattern wie die Schmetterlinge.
Die Straße glüht und leuchtet und verfällt.
Der Herbst beschert uns den Verfall der Dinge
und dieses Mal auch den Verfall der Welt.

Das ist ein Jahr, da möchte alles sterben!
Die Welt verliert das Laub und den Verstand.
Der Winter und die Dummheit sind die Erben.
Und was sich Hoffnung nannte, wird verbrannt.

Vom andern Straßenufer wehen Lieder.
Das ist die Heilsarmee. Man singt zu sechst.
Die Blätter wachsen eines Tages wieder.
Doch ob auch die Vernunft von neuem wächst?“

Erich Kästner, 1932


GROSSE ZEITEN

„Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.“

Erich Kästner, 1959


HERBSTLICH SONNIGE TAGE

„Herbstlich sonnige Tage,
mir beschieden zur Lust,
euch mit leiserem Schlage
grüßt die atmende Brust

O wie waltet die Stunde
nun in seliger Ruh’!
Jede schmerzende Wunde
schließet leise sich zu.

Nur zu rasten, zu lieben,
still an sich selber zu bau’n,
fühlt sich die Seele getrieben
und mit Liebe zu schau’n.

Jedem leisen Verfärben
lausch ich mit stillem Bemüh’n,
jedem Wachsen und Sterben,
jedem Welken und Blüh’n.

Was da webet im Ringe,
was da blüht auf der Flur,
Sinnbild ewiger Dinge
ist’s dem Schauenden nur.

Jede sprossende Pflanze,
die mit Düften sich füllt,
trägt im Kelche das ganze
Weltgeheimnis verhüllt.“

Emanuel Geibel

 

 

 

8 Kommentare zu „„Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung“ – Gedichte zum Sonntag“

  1. …auch von mir ein Dankeschön. Kästner war – wie auch ein Tucholsky u. v. a. – ein sehr feinfühliger und scharfsinniger Beobachter. Beängstigend, die Ähnlichkeit mit den Zuständen unserer heutigen Zeit. Geschichte wiederholt sich.

  2. Herbsttag

    Nebel schleicht auf graue Wiesen
    Kühl ist der neue Morgen
    Später lachen Wolkenriesen
    Sie halten trotzig die Sonne verborgen

    Am Mittag siegen warme Sonnenstrahlen
    Die Welt wird feurig bunt
    Der Herbst beginnt sein Bild zu malen
    Sommerleben tut seinen Abschied kund

    Der Abend schluckt das milde Licht
    Kalte Sterne blitzen auf
    Das Raunen der Natur zerbricht
    Friedlich Sonnenbruder zieht seinen Lauf

    Voll Weisheit schweigt die Nacht
    Ohne Stimme ist die Ewigkeit
    Wieder ist ein Tageskreis vollbracht
    Und Mensch und Welt für das neue Licht bereit

  3. Der Teufelskreis

    Der Teufel kreist mit seinen Krallen,
    lockt alle Bürger in die Fallen.
    „Gesundheit“ predigt der Minister,
    doch der Teufel zieht hier die Register.

    Unbeleckt von Geist & Weisheit,
    erschafft der Teufel eine Eiszeit.
    Klimawandel macht uns warm,
    der Teufel nimmt uns auf den Arm.

    Im Testament, dem falschen Alten,
    steht es ja, wie Teufel walten.
    Das Böse muß vernichtet werden,
    sagt der Teufel hier auf Erden.

    So kämpft auch teure Medizin,
    und richtet die Bakterien hin.
    Unser Darm verbrannte Erde,
    auf daß nie wieder etwas werde . . .

    Die Natur durchschaut die Lügen,
    Lässt den Teufel nicht betrügen.
    Aug‘ um Auge – wie man weiß,
    DAS ist der wahre Teufelskreis!

    Natur erkennt das falsche Spiel,
    Natur erkennen – heißt das Ziel.
    Heilung ist ein Lernprozess,
    Heilung fordert oftmals Stress.

    Pflanzenschutz schützt keine Pflanze,
    zerstört in Wahrheit nur das Ganze.
    Die geniale Ganzheit zu erkennen,
    DARUM geht das große Rennen!

    Alles ist vernetzt mit Allem,
    Nur der Teufel baut die Fallen.
    Gift zwecks Heilung ist die Lüge,
    mit der ein Arzt Dich leicht betrüge . . .

    Lüge heilt nicht – nur die Liebe,
    fest eingebaut im Welt-Getriebe.
    Planzen schützen, Bienen töten,
    im weißen Kittel – kein Erröten . . .

    Hör‘ auf Deinen eingebauten Heiler,
    dann wird auch Dein Leben geiler.
    Unendlich Liebe, Lust & Leidenschaft,
    geben Kraft & heilen den Lebenssaft!

  4. Also mir gefallen solche Sachen auch..
    Lutz Görner ist mir seit langen Jahren ein guter Begleiter.
    Leider sind seine Aufführungen immer weit weg in Deutschland, von der Schweiz viele Kilometer.
    Vor Jahren stand ich Sonntags um 9 vor dem Fernseher um seine „Lyrik für alle“ zu sehen.

    Die 2 Sachen mag ich besonders…..

    Das hier passt zum Thema…. oder zu unseren Politikern.
    Lutz Görner – Zur soziologischen Psychologie der Löcher ( Kurt Tuchosky ).

    Und den hier, einfach weil es mir gefällt.
    Lyrik für Alle.
    Folge 30 Heinrich Heine 1. Teil

  5. Die Zipfelmütze

    Ein Volk schläft ganz besonders fest und tief
    Seit über hundert Lenzen.
    Hört auch nicht Engel und nicht den, der s rief.
    Zu fest sind noch des Traumschlaf s Grenzen.

    Und nun zur Weisheit unsrer Zeit:
    Der Schlaf erspart uns manche Sorgen.
    Der Schlaf erspart auch manches Leid.
    Wer schläft muss niemand etwas borgen.

    Dem schlafend Volk ward über Nacht
    Die Zipfelmütze abgezogen.
    Wer hat bloss dieses Werk vollbracht ?
    Und hat das Volk betrogen ?

  6. Alle Müller, das war einmal.
    Heute heisst es ewig Karneval.
    Bunt ist er, hat viele Formen.
    Doch alle sind gleich verdorben.

  7. Von heut an hängt an härner Schnur
    Um meinen Hals die Stunden-Uhr:
    Von heut an hört der Sterne Lauf,
    Sonn‘, Hahnenschrei und Schatten auf,
    Und was mir je die Zeit verkünd’t,
    Das ist jetzt stumm und taub und blind: —
    Es schweigt mir jegliche Natur
    Beim Tiktak von Gesetz und Uhr.
     
    Nietzsche

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