Die Rettung des Kindes

Auf eine tiefsinnige Erzählung Edzard Schapers* aus den Vorweihnachtstagen des finnisch-sowjetischen Kriegsjahres 1941 soll hier in verdichtender Nacherzählung eingegangen werden. Das Besondere, tief Berührende dieser wohl wahren Begebenheit liegt darin, dass die harten physischen Erlebnisse einer finnischen Patrouille, die mit der Rettung eines kleinen Kindes verbunden sind, immer mehr von einem parallel verlaufenden seelischen Geschehen begleitet werden, das in einer wundersamen gemeinsamen Weihnachtsfeier mit dem Kinde gipfelt. Und diese eröffnet unausgesprochen die Ahnung eines tieferen geistigen Zusammenhanges, der auf geheimnisvolle Weise zwischen ihnen und dem Kinde spielt.

Sieben Mann aus einer finnischen Jägerbrigade hatten den Auftrag erhalten, durch die dünn besetzte russische Front vorzudringen, um zu erkunden, ob sich die Hauptmacht des Feindes in den gleich Inseln im Wäldermeer Ostkarelien verstreuten Einöddörfern festgesetzt oder weiter zurückgezogen hatte. Auf Schneeschuhen und getarnt mit Schneehemden waren sie drei Tage tief in die Wälder vorgedrungen und hatten bislang keinerlei Anstalten des Feindes zu mehr als nur schwach hinhaltender Verteidigung feststellen können. In keinem der einsamen Gehöfte waren ihnen – im Fernglas aus vorsichtiger Entfernung – die geringsten menschlichen Bewegungen vor die Augen gekommen.

In der ungeheuerlichen Stille, die den fortwährend gespannten Ohren der sieben Männer allmählich zu tönen begann und in der schon das leise Geräusch der Erleichterung, mit dem ein Zweig unter der abgleitenden Schneelast emporschnellte, wie das Getöse einer Lawine anmutete, hatte die Patrouille kurz vor Einbruch der Nacht das erste größere Dorf, Kangasjärvi, erreicht. Auch hier verharrten sie geraume Zeit im Schutz der Bäume und unterzogen die Waldlichtung mit dem darin liegenden Dorf einer argwöhnischen Beobachtung. Als sich schon dichte Dämmerung ausgebreitet hatte, näherte sich die Patrouille, um im Dorf selbst aufzuklären, weit auseinandergezogen und in äußerst vorsichtigem, zögernden Anmarsch einer Scheune, die in einer Bodenwelle vor Einsicht vom Dorfe her geschützt lag.
Eine lange, zögernde, weiche Winterdämmerung, in der schon ein paar Sterne aufglommen, vereinigte Himmel und Erde für eine Weile, ehe das strenge Dunkel hereinbrach. Die anhaltende Stille aber war, nachdem die Spannung gewichen war, so erregend, dass die sieben trotz der Gefahr nicht ohne Befriedigung laute Anzeichen von der Nähe des Feindes hingenommen hätten. Leutnant Heiskanen schlug vor, die Häuser näher in Augenschein zu nehmen, die Dämmerung begünstige das Anschleichen in lockeren Gruppen von je zweien oder dreien, man müsse sich nur vor Minen in der Nähe und in den Häusern selbst hüten.
Es erschien allen unbegreiflich, dass ein Dorf in so beträchtlicher Entfernung von der Frontlinie jetzt schon völlig geräumt und statt der Zivilbevölkerung nicht einmal von Truppen belegt sein sollte.

Das Kind

Der Abendstern funkelte schon in einem tieferen Blau, als die sieben die Kapuzen fest ums Gesicht schlossen, die Maschinenpistolen vor die Brust schoben und in kleinen Gruppen aufbrachen. Der Korporal Jänttinen machte sich, wie immer, mit seinem Freunde Sanavuori auf, der aus demselben Städtchen wie er in der Landschaft Häme stammte. Und der Zufall fügte es, dass sich ihnen auch der Feldwebel Suukselainen anschloss.
Nach der Erkundung in etlichen Häusern am Eingang des Dorfes, in denen sie nichts entdecken konnten, blieben sie plötzlich stehen: Aus der weit offenstehenden Tür eines Hauses hörten sie etwas, was sie zunächst für das Jammern einer Katze hielten, dann aber eindeutig als das Schreien eines Kindes erkannten. Sie lauschten noch einige Augenblicke gespannt, bis ihnen zur völligen Gewissheit wurde, dass tatsächlich in einer der Kammern ein Kind schrie. –
Sanavuori nahm auf Suukselainens Rat einen Hackklotz, der vor dem Hause stand, legte ihn auf die Schwelle des Flures und schob ihn – um sicher zu gehen, dass der Fußboden nicht vermint war – mit einer Stange tiefer und tiefer in den Hausflur hinein. Bei dem Gerumpel begann das Kind nur noch lauter zu schreien, so dass ihnen heiß wurde und sie sich gespannt umschauten – aber alles blieb ruhig. Darauf wagten sie sich – während Suukselainen am Eingang die Wache übernahm – selber langsam vor.

Dann öffneten sie die Kammertür und sahen in der wilden Unordnung eines überstürzten Aufbruchs ein kleines Bett, in dem ihnen im Lichtkegel der Taschenlampe das Kind laut entgegenschrie. Nur viele Decken, unter die man den Kleinen gebettet, hatten ihn in dem völlig ausgekühlten Haus vor den Erfrieren bewahrt. Fassungslos starrten sie ihn an, und Jänttinen griff in die Decken, um ihn hochzunehmen …, doch da stürzte Sanavuori hinzu und hinderte ihn daran. „Achtung“, stieß er hervor. Vorsichtig hoben sie die Decken ab – derweil der Knabe ihnen mit weit geöffneten Augen zuschaute – und bemerkten, dass er in seinem Bettchen festgebunden war.
Jänttinen wollte schon die Stricke lösen, als ihm Sanavuori erneut in den Arm fiel. Dabei entglitt ihm die Taschenlampe, und ihm schlug, als er sich nach ihr bückte, in der Dunkelheit das Herz bis zum Halse vor Angst, Jänttinen könne erneut nach dem Kinde greifen. Achtung, Mine! wollte er sagen, brachte aber, schon auf den Knien nach der Lampe tastend, die Worte nicht heraus. Schließlich fasste er die Leuchte halb unter dem Bett und berührte dabei mit den Fingerspitzen etwas Kaltes – Sprengsätze! durchzuckte es ihn. Sprengsätze unter dem Kind, das also auf Tod und Verderben festgebunden lag und mit jedem, der sich seiner erbarmen wollte, in die Luft fliegen musste. Aufspringend stammelte er: Mine! und Jänttinen ließ die Knoten los, an denen er schon nestelte.

Sanavuori wollte nur weg, weg von dem Kinde, weg aus dem Haus – überhaupt nur weg von dieser teuflischen Falle. Jänttinen aber stand vor dem Bettchen und schaute lächelnd auf das Kind, das wohl etwas zu essen erwartete und enttäuscht abermals anfing zu wimmern. Da nahm Jänttinen entschlossen seine Laterne vom Riemen, knipste sie an, packte die Schlaufe mit den Zähnen und zog sein Messer. In der Rechten das Messer, mit der Linken zwischen das Kind und seine Fesseln greifend, so dass diese gespannt blieben, durchschnitt er die Stricke. Dann drehte er den Kleinen mit zitternden Händen vorsichtig um, um sich zu vergewissern, dass es auch mit seinen Kleidern nicht irgendwo festgebunden war und hob den Knaben – ein einziges feuchtes Paket – aus dem Bett und wickelte ihn in die trockenen Decken. –

Unverzüglich verließen sie das Haus und kehrten zur Scheune zurück, wo sie von den anderen schon ungeduldig erwartet wurden. Sanavuori erzählte den maßlos staunenden Kameraden, wie sie zu dem unförmigen Bündel gekommen waren, das Jänttinen sich um den Hals geknüpft hatte und das – keiner wollte es so recht glauben – ein lebendiges Kind enthielt. Alle schauten auf den Korporal Jänttinen, einen sehr großen, grobknochigen Mann, im Zivilberuf Maschinenschlosser, der sich gesetzt hatte und mit dem Bündel und der Maschinenpistole auf den Knien verlegen lächelnd ihre Blicke erwiderte. „Was soll man machen“, murmelte er und zuckte die Achseln, als könne man eine so unverhoffte Gabe, wie hinderlich sie auch sei, nicht ausschlagen. …
Der Einfall, die rührende Unschuld eines Kindes zur Vernichtung eines Gegners zu missbrauchen, war so ungeheuerlich, dass sie kein Wort darüber sagten. Was aber sollten sie jetzt mit dem Kind anfangen? Milch hatten sie nicht, überhaupt nichts zu essen außer ihrem Trockenproviant, und mit einem Kinderwagen konnten sie auch nicht auf Patrouille gehen. …

Heiskanen hatte von hier aus den Rückmarsch antreten wollen, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass sie dabei ihrer acht sein sollten. Was wurde aus dem Kind, wenn sie Feuer erhielten und Hals über Kopf zurück mussten! – Der Bedenken dagegen, das Kind mitzunehmen waren viele, und doch sprach keiner sie aus. Als Jänttinen in das etwas betretene Schweigen der Kameraden hinein ruhig und ohne sonderlichen Nachdruck erklärte: „Ich nehme es halt mit!“ wurde kein Widerspruch laut, nicht einmal Bedenken, obschon Heiskanen da gerade einfiel, das Kind könne ja zu allem hinzu auch noch durch Geschrei zur unrechten Zeit eine wahre Hölle heraufbeschwören.
Als sie nach etlichen Vorsichtsmaßnahmen für die Nacht die kleine Scheune bezogen, übernahm Jänttinen die erste Wache. Die Kameraden, die sofort einschliefen, gewahrten an diesem Abend noch nicht, was ihnen in den folgenden beiden Tagen zum gewohnten Anblick wurde, der für sie allmählich alles Lächerliche verlor: wie der bärtig verwilderte Jänttinen bedächtig ein Stück Trockenbrot aus seiner Tasche holte, es lange kaute und den dunklen säuerlichen Speisebrei dann, tief über das Kind gebeugt, ihm mit den Fingern in den Mund tat. Er gab, was er hatte, das einzige, womit er das Kind am Leben zu erhalten hoffen konnte, und die absonderliche Form des Vorkauens und des ´Kröpfens´, wie die Kameraden es später nannten, gab er an den folgenden Tagen nur insoweit auf, als er seinen Löffel verwendete, mit dem er dem Kind die vorgekaute Nahrung verabreichte. An jenem ersten Abend erhielt der Knabe noch eine pelikanische Mahlzeit, die er im Schein der abgeblendeten Taschenlampe gierig verschlang. Dann weckte Jänttinen den Kameraden, der die folgende Wache übernehmen sollte, und legte sich, Kind und Maschinenpistole an der Brust, zum Schlafen nieder.

In der Morgenfrühe wurden alle Zeugen der zweiten Mahlzeit und wie er dem Kinde mit Verbandmull das Gesicht wusch, was ihm nichts Ungewohntes sei, wie er sagte, er habe daheim selber zwei. Die Kameraden begannen, den Knaben Iwan zu nennen und sich unter diesem Namen nach seinem Befinden zu erkundigen. Jänttinen streifte dann ein paarmal die Vermummung zurück und ließ sie das Gesicht eines schlafenden Kindes mit dunklem Haar sehen, das wenig mehr als ein Jahr alt sein mochte und dem, nach der Farbe seiner Wangen zu urteilen, nichts zu mangeln schien.

Der Rückmarsch

Als die Patrouille aufbrach, hing sich Jänttinen das Kind in Decke und Zeltplan dicht vor die Brust und befestigte es noch mit Riemen an seinem Koppel, so dass das Bündel im Laufen nicht gar zu wild schaukelte und er seine Hände frei hatte. Er lief unter dem Gewicht der Last jetzt nur ein wenig gebeugter als sonst. Heiskanen betrachtete ihn zweiflerisch: Er wisse nicht, wie das gehen solle. Ach das gehe schon, erwiderte Jänttinen seelenruhig, indem er den Rücken aufrichtete. Doch die Last um den Hals ließ ihm die Adern auf der Stirn hoch anschwellen. Sanavuori versprach, mit ihm abzuwechseln; zurücklassen könne man das Kind doch nicht, das sei sein sicherer Tod. Das wollte der Leutnant nicht bestreiten, nur könne man in der Not keine Rücksicht nehmen, da wisse er nicht, wie sie sich anders helfen wollten, als dadurch, dass sie den Ballast über Bord warfen. Er wolle die Patrouille heil zurückbringen und keinen Mann aufs Spiel setzen.

Jänttinen tat so, als hörte er das nicht. Er war es, der noch die Geschwindigkeit steigerte. Wie eine Lokomotive pflügte er sich vorwärts, den Kopf gesenkt, die Schultern mit der Zeit immer tiefer vornübergebeugt. … Als Sanavuori ihm nach ein paar Stunden anbot, das Kind zu tragen, schüttelte er nur stumm den Kopf, den die verdoppelte Anstrengung des Tragens und des Laufens feuerrot gemacht hatte. …
Die Stille und das Ausbleiben jeglicher Berührung mit dem Feinde, der diesen Frontabschnitt doch nicht unbemerkt und so gänzlich aufgegeben haben konnte, wirkten am Ende unheimlich, und mehr als einmal ging einem der sieben der Gedanke durch den Kopf, sie liefen mit jeder ungestörten Stunde nur immer tiefer – wie Fische in eine Reuse – in eine Falle hinein, aus der es dann kein Entrinnen mehr gebe. Nicht einmal das Kind ließ von sich hören.

Heiskanen äußerte einmal  die Vermutung, Jänttinen plage sich am Ende damit ab, einen Toten durch die Wälder und die Frontlinien zu tragen, doch Jänttinen schlug nur stumm die Decke vom Gesicht des schlafenden Kindes zurück, dessen ruhiger Atem und die zu Fäustchen geballten Händchen neben den Schulter alle überzeugte – worauf derlei nie mehr geäußert wurde. Und es konnte nicht ausbleiben, dass sich während der Mahlzeit alle um Jänttinen versammelten und zusahen. Und es fehlte ihm dabei nicht an Ratschlägen, wie er dieses und jenes besser oder anders machen könne.
In der Nacht, als bis auf die Wache alle unter einer Tanne mit tief herabhängenden Zweigen schliefen, begann das Kind an Jänttinens Brust auf einmal zu wimmern. Und da hörte der wachende Kamerad, wie Jänttinen das weinende Kind in seiner eigenen Sprache zu beruhigen versuchte und es bald Juhani (Johannes) und bald in allen möglichen Koseformen dieses Namens Jussi, Juha, Jukka und Jukku nannte. Schon nach paarmal kurzen Zuredens wurde es still, niemand war von seinem Weinen aufgewacht und auch Jänttinen lag wieder ruhig atmend da und hielt das stille Bündel zwischen seinen großen Armen.

Inzwischen strömte dem Kinde die Fürsorge aller sieben Männer zu, und sei es auch nur in Gedanken. Unerklärlich, wie – war es schon nach einem Tage, da ein finnischer Soldat es durch die ostkarelischen Einödwälder getragen hatte, in die Familie des eigenen Volkes aufgenommen worden und hatte den finnischen Namen des Täufers und Vorläufers erhalten. Auch der Leutnant sprach fortan von Juhani oder Juha, und der Tag ging nicht hin, ohne dass jeder sich einmal erboten hatte, Jänttinen seine Last abzunehmen. Er schlug die Hilfe jedesmal aus, so als sei ihm unumstößlich gewiss, dass nur er allein das Kind durch die Wälder und die feindlichen Fronten tragen dürfe. Und das Kind, wenn es seine Augen geöffnet hatte, schaute eigentlich nur Jänttinen an, wie den anderen mit der Zeit auffiel. Es schien diesen Pflegevater als seinen einzigen und wahren Vater anzunehmen, als habe es vor ihm noch keinen Menschen gesehen.

Der Leutnant drängte, zügig weiterzumarschieren, dann könnten sie entweder im Schutze der Nacht oder spätestens in der Morgendämmerung nach verabredetem Signal in die eigenen Linien gelangen. Ihr Stab sollte baldmöglichst im Besitze ihrer Aufklärungsergebnisse und Kartenskizzen sein. – In der völligen Stille, die nur vom Schleifen der Skier unterbrochen wurde, ging jedem der sieben der Gedanke durch den Kopf, Jussi könne gerade für diese Stunde seine Stimme aufgespart haben – Augenblicke, da mancher sich fragte, wozu er, wenn das geschehen sollte, dann wohl fähig sein könne. Ihre Wachsamkeit war nun schon so gespannt, dass das geringste ungewohnte Geräusch alle sieben in Deckung gehen und die Hände vom Knauf der Stöcke an die Maschinenpistole fliegen ließ.

Mitternacht war längst vorüber, als ein Gewehrschuss in der Nähe die sieben aus der Monotonie des schleifenden Anmarsches weckte und hinter die Bäumstämme bannte. Keiner hatte ein Mündungsfeuer gesehen, und jeder überlegte, ob sie so nahe an die Front gekommen waren, dass dieser Schuss zu dem planlosen Störfeuer gehörte, mit dem nächtliche Posten sich zuweilen Mut machen und den Gegner warnen wollen. Dann blieb es still. Heiskanen schien ein weiteres Vordringen allzu gewagt und wollte bis zum Morgen warten.
Doch Jänttinen murmelte keuchend, sie sollten lieber weiter, als Sanavuori ein kaum vernehmbares „Achtung!“ zischelte. Da gewahrten sie mit Entsetzen, wie das Bündel vor Jänttinens Brust schaukelte und unter der Decke her ein winziges Keuchen vernehmbar ward, das jeden Augenblick zum Weinen werden konnte. Dann hörten sie halblaute Stimmen und Prasseln, mit dem firniger Schnee unter Schritten zerbrach. „Dreißig Meter, grad voraus!“, flüsterte Sanavuori. Aller Hände spannten sich um die Maschinenpistole. Nur einer griff zum Bündel, das an seiner Brust hing und zu zucken begann, und blickte statt nach vorn auf das Kind. In der atemberaubenden Stille begann Jänttinen wie in höchster Not zu flüstern, unsinnige Kosenamen für Juhani, die alle mit der Bitte endeten, still zu sein, ganz still.

Da bemerkten sie, wie eine dunkle Gruppe im Gänsemarsch eine kleine Waldlichtung überquerte. Alle hielten den Atem an und standen völlig regungslos. Als sie außer Sicht war, fiel ihr Blick wieder auf Jänttinen, der statt der Maschinenpistole das Kind in seinen Armen hielt und langsam hin her wiegte. Als er die Blicke der sechs bemerkte, ließ er das Bündel sinken und richtete sich auf. In diesem Verhalten lag etwas so Entschiedenes, zum Aufbruch Mahnendes, dass alle es ihm nachtaten und Heiskanen nicht einmal Einspruch erhob, als Jänttinen, ohne ein Wort zu verlieren, sich zum Anführer der Patrouille machte.
Tief vornüber gebeugt, mit weit ausholenden Bewegungen der Arme, strebte er vorwärts. Er steuerte zunächst die kleine Lichtung an, welche die dunkle Gruppe der Feinde soeben überquert hatte, bis zu einem dunklen Gehölz, in das er nicht eindrang, sondern sich nach links auf eine schneisenähnliche Breite hangabwärts wandte. Hier bewegte er sich jedoch außerordentlich langsam, beinahe spürend bis zum Rand einer freien Fläche vor, wo er auf einmal wie angewurzelt stehen blieb.  Von rechts her, wo das umgangene Dickicht an die offene Gemarkung grenzte, vernahmen alle ganz deutlich Stimmen. Sie priesen im Stillen Jänttinens unerklärlichen Trieb, der sie nach links gedrängt hatte, sonst wären sie in das feindliche Nest, in dem sich ein Maschinengewehr-Posten eingegraben hatte, direkt hineingelaufen.
Jänttinen wendete sich entschlossen um und strebte hangaufwärts zurück zu der Lichtung, umging das Dickicht nach der anderen Seite und glitt in einem lichteren Wald wieder hangabwärts, bis er am Waldrand vor einem offenen Feld angelangt war. Das Bündel mit dem Kind in den Armen, betrachtete er die Aussicht, die ihm hier günstiger schien als bei der ersten Stelle, denn die Talseite mit dem schmalen Bach enthielt hier reichlich lockeres Gebüsch, das ihnen bei der Überquerung gute Deckung bieten konnte.

Jänttinen beharrte darauf, dass der Leutnant jetzt aus einem Dickicht eine Leuchtrakete abschießen müsse, und als der Stern am grauenden Himmel erschien, betrachteten sie ihn mit geblendeten Augen und sahen ihn wie die schönste Hoffnung über der heimatlichen Talseite versprühen. Der letzte Funken war aber noch nicht erloschen, als zu ihrer Linken das Maschinengewehr zu hämmern begann und einen Fächer von Leuchtspurgeschossen über der Talbreite aufschlug. Von der anderen Seite blieb das Feuer zu ihrer Erleichterung unbeantwortet.
In dem bei der frostklaren Nacht äußerst gellen Knall der Abschüsse erwachte das Kind. Doch noch bevor das Maschinengewehr verstummte, gelang es Jänttinen, dicht über das Bündel gebeugt, den Knaben zu beruhigen. –
Nun stieg auch der erste Morgennebel aus der Talsohle auf, der ihnen für ihre Schussfahrt hinter die eigene Linie weiteren Sicht-Schutz bot. Sanavuori schlug vor, das Feld nicht im rechten Winkel, sondern nach zwei-, dreihundert Metern weiter rechts in einem spitzen Winkel zu überqueren. Jänttinen solle nach ihm der zweite sein. Nachdem alle sechs mit weit ausgreifenden Stöcken und immer wieder sich duckend auf der Spur waren, folgte Heiskanen als letzter. Noch ist alles still, dachte er, als im selben Augenblick das Maschinengewehr zu mähen begann. Sofort ließ er sich in die Spur fallen und lag klopfenden Herzens völlig regungslos. Doch dann hörte er, wie das Feuer aus sechs Maschinenpistolen erwidert wurde, und er hockte sich hin und stieß sich mit den Stöcken weiter, bis er hinter einem Gebüsch in der Talsohle die anderen erreichte.

Er gewahrte Jänttinen, wie er halb aufgerichtet dahockte, etwas kaute und dann den struppigen Kopf tief über das Bündel beugte. Heiskanen fiel auf, dass sein Tarnhemd über dem Rücken klaffte, wie mit einer glühenden Schere geschlitzt und versengt. Jänttinen hatte einen Streifschuss abbekommen, der ihm nur das Tarnhemd geschlitzt habe, erklärten die andern.
Das Schießen hatte aufgehört. Gegen die Sicht von hinten her durch die Gardine des Buschwerks geschützt, erreichte die Patrouille nach weniger als dreihundert Metern die vorgeschobenen Posten der eigenen Linien und schleuste sich in die finnische Front ein. Und erst bei den scherzhaften Bemerkungen unbekannter Kameraden, sie hätten sich wohl das vertraute heimatliche Weihnachtsstroh und den Festschinken nicht entgehen lassen wollen und deshalb den Übertritt selbst an dieser misslichen Stelle lieber heute als morgen gewagt, kam ihnen wieder die Nähe des hohen Festes zu Bewusstsein, und sie wurden inne, dass Weihnachten war.

Die Weihnachtsfeier

Ohne dass sich die sieben verabredet hatten, ganz wie nach einer stillschweigenden Übereinkunft, trennten sie sich nicht von dem Kinde. Als sie beim ersten Bataillonsstab ihre Verpflegung empfingen und in einem halbdunkeln Pappzelt um den dampfenden Kessel saßen, kam es ihnen schon sonderbar vor, dass die Kameraden so viel Aufhebens davon machten, als Jänttinen nach beendeter Mahlzeit das Bündel öffnete und Juhani bedächtig einen Brei aus geweichtem Brot, Milch und Kaffee zum Munde führte – stark gesüßt, wie er selber den Kaffee gerne trank. Sie wussten nicht, dass sie auf ihre Gastgeber den Eindruck einer versprengten Familie machten und dass die geheimnisvolle Beziehung, in der jeder von ihnen, tätig bemüht oder auch müßig anschauend, zu dem Kinde stand, ihnen allen sieben als etwas Unerklärliches anhing, als ein Hauch des Wunderbaren, des Friedens und der Wehmut.
Juhani aber – noch nie in seinem kurzen Leben hatte er so viele Taschenuhren gesehen, von den vor ihm hockenden Soldaten zum Greifen nah schaukelnd vor seinem staunenden Blick bewegt, blitzende, blinkende Uhren, von denen alle seine Anbeter nichts lieber wollten, als dass er nach ihnen greife. Jänttinen saß während dieser Spiele stumm in würdigem Stolz da und stellte ihnen seinen Juhani dar, wie ein leiblicher Vater es nicht inniger vermocht hätte.

Mit einem Lastwagen, der ins rückwärtige Frontgebiet fahren sollte, hatten die sieben Gelegenheit, bis dicht zum Brigadestab ihres eigenen Verbandes und dem Ausgangspunkt ihrer Patrouille zu gelangen. Sie blieben in diesem Abschnitt aber eine sonderbar anheimelnde Erinnerung, die für alle Zeit mit dem Weihnachtstag und seinem wunderbaren Kinde zusammenhing.
Wie die auf sieben vermehrten Heiligen Drei Könige wurden sie dann, als Jänttinen das Kind enthüllt hatte, bei den Ihren empfangen, und obschon sie, die an dieser Patrouille teilgenommen hatten, aus zwei oder drei verschiedenen Kompanien ausgewählt worden waren, verbrachten sie den Rest des Tages und den Heiligen Abend nicht in der alten Gemeinschaft ihrer Kompanien und Züge, sondern in der neuen Gemeinschaft der Patrouille, die – unausgesprochen – die Gemeinschaft um das Kind war. Juhani schlief in einer Plane in einem geheizten Zelt, und Jänttinen, der über seinen Frieden wachte, bevor er selber einschlief, gab dieser frei im Raum schwebenden Wiege von Zeit zu Zeit einen Stoß, der sie ins Schwingen brachte.

Als der Heilige Abend anbrach, ging jeder der sieben zu seiner Truppe, empfing dort Post und Essen,  nahm am Appell und dem Feldgottesdienst teil, der wegen der grimmigen Kälte nur Minuten währte, und strebte dann jedoch zu dem Zelt zurück, in dem der kleine Juhani allein geblieben war. Es herrschte eine Stimmung wie an allen Weihnachten an der Front, doch durch die Besonderheit der gemeinsamen Erlebnisse und des Augenblicks wurden sie auf wundersame Weise von ihren eigenen Gedanken und Kümmernissen befreit, indem alles, was sie an diesem Abend miteinander sprachen, der Bedeutung und der Zukunft des Kindes galt.

Heiskanen blickte versonnen auf den stummen Jänttinen, der mit instinktiver Entschiedenheit, Kraft und Ausdauer dieses reine, unschuldige kleine Kind vor dem Tode gerettet und getragen hatte, das jetzt wie stellvertretend für das paradiesisch reine, von Herodes verfolgte Christkind leibhaftig unter ihnen war und sie mit warmen, leuchtenden Augen ansah. Und mit Wehmut mochte er, mehr dunkel geahnt als deutlich gedacht haben, ob sie das Kind nicht daran gemahne, dass in jedem von ihnen, noch klein und schwach wie ein Kind, ein edleres, höheres Wesen wohne, das darauf warte, in ihnen selbst geboren und vor allen Kräften, die es vernichten wollen, gerettet und beschützt zu werden.

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* Edzard Schaper: Das Christkind aus den großen Wäldern;
wörtliche Formulierungen Edzard Schapers sind kursiv gekennzeichnet.

Weitere Weihnachts-Artikel:
Merry Christmas – Der Weihnachtsfriede 1914

Ein Weihnachtswunder – Heiligabend 1944

 

25 Kommentare zu „Die Rettung des Kindes“

  1. Diese schöne Geschichte beschreibt, wie eine Gruppe von Menschen, mitten in der tiefsten Dunkelheit, durch ein ihnen fremdes Kleinkind, wieder den Weg zum Licht fand. Dieses Erlebnis hat sicher jeden der Gruppe für ihre Zukunft geprägt, denn sie begannen die Harmonie, die kosmische Liebe, inmitten der Dunkelheit zu fühlen.

    Im Januar 1945 erhielt mein 19 jähriger Vater in Oppeln (heute Polen) einen Befehl nach Breslau auf die Kommandantur zu fahren um sich dort einem Leutnant mit Marschbefehl nach Ulm anzuschließen. Unterwegs, am umkämpften Stadtrand von Oppeln, las er ein verirrtes Vorschulkind auf und entschied, es in der noch intakten Pfarrei abzugeben, die mit Schutz suchenden Menschen gefüllt war!

    DER PFARRER WEIGERTE SICH BEHARRLICH DAS KIND AUFZUNEHMEN, SODASS ER ENTSCHIED ES AUF EINES DER LETZTEN NOCH MÖGLICHEN BAHNFAHRTEN NACH BRESLAU MITZUNEHMEN.

    In Breslau war Aufbruchstimmung, denn viele Bewohner wussten, dass es nur noch wenige Wochen dauern konnte, bis die anstürmende Sowjetarmee auch Breslau einnimmt. Der Leutnant gab ihm eine Stunde Zeit das Kind irgendwo unterzubringen, ansonsten bliebe es auf der Kommandantur. Durch die schlechte Erfahrung in der Oppelner Pfarrei, versuchte er sein Glück lieber bei Familien die sich reisefertig machten; er fand eine mit 2 Kindern, nannte Vor- und Zuname des Kindes und notierte die Daten der aufnehmenden Familie.

    Jahre nach diesem Ereignis, nach der harten Gefangenschaft im Rheinwiesenlager, versuchte er über das Rote Kreuz den Jungen und seine eigene Familie wiederzufinden. Bis auf eine ältere Schwester die nach Bremen flüchtete, war die Familie im Februar im Dresdner Inferno umgekommen. Den Jungen konnte er nicht mehr ausfindig machen. Vermutlich ist er in Breslau weitergereicht worden.

    Warum erzähle ich diese so private Geschichte? Weil wir wieder an einem Punkt angekommen sind, wo, statt Uniform schwarz Vermummte, lanciert durch Medien, Politik und Geldmacht marodierend durch die Straßen laufen und glauben einer vermeintlich guten Sache zu dienen; weil wieder diese dunklen Gestalten versuchen in einem Krieg gegen das Gute die Menschen durch Teilung für ihre Ziele zu instrumentalisieren und weil wieder alle Rufe Jänttinens und die der Väter mit ähnlichen historischen Erlebnissen wie das meines Vaters, drohen ungehört zu verhallen. Möge es diesmal anders enden.

  2. Nur zur Information und für diejenigen, die es vergessen haben, zur Erinnerung:
    Der „finnisch-sowjetische Krieg“ ist Teil des 2. Weltkrieges. Er ist einer der Angriffskriege der Sowjets (Russen).
    Diese miese Zeit ist vorbei. Dafür haben wir jetzt eine andere miese Zeit.
    Trotzdem wünsche ich allen ein frohes Fest.

  3. Der Engel sprach zu den Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk wiederfahren wird. Denn heute ist euch der Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“

    In obiger Geschichte aus Russland retten Soldaten ein Kind. Diese Retter sind erwachsene Männer. Was vereint beide Berichte? Selbst in den aussichtslos erscheinenden Lebenslagen ist Rettung möglich, wenn MUT uns bewegt, wer wir auch selber sind, sei es ein Soldat, sei es jemand, der hier liest oder schreibt.
    Fürchten wir uns NICHT, selbst dann NICHT, wenn uns jemand befiehlt, wir müssten uns fürchten und deswegen Masken tragen. SEIEN WIR VOLLER MUT UND VOLLER FREUDE.
    Wie es König David gewesen ist, ein grosser Sänger vor dem Herrn, der schon als junger Mensch seinem Gott vertraute und den Goliath mit einer Steinschleuder niedermachte.
    Wir fürchten uns nicht, auch dann nicht, wenn Pastor Olaf Latzel in Bremen Probleme kriegte durch eine Theologin, die behauptete, die jungfräuliche Geburt sei ein Märchen, doch wenn die Jungfrau mit ihrem Mann schlief, weiss sie am hellen Tag eben nichts davon, wie auch ihr Mann nichts davon mehr erinnert. WER wir SIND hat mit der Erkenntnis der WAHRHEIT zu schaffen, die uns FREI macht.

  4. „WER DIE FREIHEIT AUFGIBT, UM SICHERHEIT ZU GEWINNEN, WIRD AM ENDE BEIDES VERLIEREN“ (Zitat von Benjamin Franklin)

  5. «An jedem «Weihnachten» steige Ich von neuem auf die Erde herab in die Herzen jener, die Mich lieben und sich nach Mir sehnen. An jedem «Weihnachten» steige Ich mit Maria von neuem in die Krippe hinab, die sich Mir anbietet; Meine Krippe in dir ist das übergroße Verlangen deines Herzens, Mich wahrzunehmen, Mich kennenzulernen, Mich noch mehr zu lieben; sie ist dein ständig neuer Durst nach dem Wasser des Lebens.»

  6. Eine sehr, sehr schöne und ergreifende Geschichte. Wunderbar erzählt mit viel Einfühlungsvermögen, obwohl die Kontraste (zwischen Leben und Tod, Krieg und Frieden, List und Liebe, Befehl und Pflicht) hätten nicht größer sein können. Schon nach dem ersten Abschnitt war der Kopf außen vor, ganz warm wurde es mir ums Herz. Einfach bezaubernd.

    Eine Stelle aber, „Wie die auf sieben vermehrten Heiligen Drei Könige“ und ich wurde wieder wach, wieder Denkender:
    Wo die sieben Herren aus dieser Geschichte herkamen ist verständlich und nachvollziehbar. Aber woher kommen eigentlich die „Heiligen Drei Könige“?

    Ich hatte diese Frage mal als Kind tatsächlich aufgeworfen, als die ganze Familie am Tisch zusammensaß. Meine liebe Großmutter war eine sehr gläubige Frau, mein Großvater eher weniger. Ich liebte damals meinen „Großen Atlas der Welt“ und kannte alle Länder auswendig, auch die Hauptstädte. (Du „Schlaumeier“ und „kleine Nervensäge“ war einer der vielen Titel, die ich damals verpasst bekam.) Und nun wollte ich (kein Scherz), als neugieriger Bub nur wissen und genau mit dem Finger draufhalten, wo denn die drei Königreiche von den „Heiligen Drei Königen“ genau waren. Das von Alexander dem Großen, der lange vor Jesus lebte, konnte mir mein Großvater in Etwa auf dem Weltatlas zeigen. Für die anderen Königreiche sagte er in etwa, wäre deine liebe Großmutter zuständig. Was glauben Sie, was mir meine liebe Großmutter genau zeigte?
    Ich gebe die Frage mal weiter.

    Ein Frohes Fest und erholsame Feiertage wünscht Ihnen allen
    Grand Nix

    1. @ Grand Nix

      Die Heiligen Drei Könige kamen zur Geburt des einen von zwei Jesus-Knaben, und der war die Reinkarnation ihres Meisters Zarathustra aus Persien. Dieser Jesus starb mit etwa 12 Jahren, und sein Geist ging über in den anderen Jesus, der als völlig veränderter Knabe geschildert wird, den die Eltern verloren hatten auf dem Fest, weswegen sie umkehrten und ihn im Tempel fanden. Er selber – auch ein etwa 12 jähriger Jüngling – erschien völlig verwandelt, weil nun auch der Geist des anderen Jesus, der Geist des Zarathustra, des Weisheitslehrers, auf ihn übergegangen war.
      Also die Heiligen Drei Könige reisten nicht zu dem Jesus, der mit etwa 30 Jahren getauft wurde, sondern sie reisten zu dem anderen Kind, und das verstarb etwa 12 jährig, und sein Geist ging auf den Jesus, der zum Christus wurde durch die Taufe, über.
      Sieben ist die Zahl der Zeit, und Zwölf die der Orte, weil wir z.B. 12 Sterne im Raum brauchen, gemäss denen wir uns orientieren können, wie wir auch 12 Punkte beim Fingerabdruck benötigen, um festzustellen, von wem der stammt.
      Sieben Jahre etwa braucht ein Mensch bis zum Zahnwechsel, und mit etwa 14 Jahren (in heissen Ländern mit etwa 12 Jahren) ist der Mensch geschlechtsreif, mit etwa 21 Jahren ist das Wachstum abgeschlossen usw. etc.
      Allen Frohe Festtage !

      1. Ihre Antwort ist etwas verirrend für mich, weil ein völlig neuer Erzählstrang für mich.
        Wird der von allen hier geteilt?
        Doch die eigentliche Frage, blieb leider unbeantwortet. Wo genau (geographisch gesehen) lagen deren Königreiche und von wann bis wann waren sie Könige ihres Königreichs. Ist das für Sie nicht so interessant zu wissen?
        Danke für Ihre Antwort und ihre Mühe.

        Frohes Fest – lieber Michael

        1. @ Grand Nix
          Was Michael über die Heiligen Drei Könige schreibt, geht auf Forschungen Rudolf Steiners zurück und muss in dieser apodiktisch kurzen Form in der Tat verwirren. Und es ist ein eigenes Thema, das hier nicht weiter verfolgt werden sollte.

          Meines Wissens gibt es nur Sagen und Legenden über die Heiligen Drei Könige und keine äußeren historischen Nachweise, aus welchen Ländern sie kamen. Die ersten Sagen sprechen davon, dass sie je aus Indien, Persien und Ägypten gekommen seien. Später hat sich die Anschauung herausgebildet, dass der erste König der Repräsentant der asiatischen Völkerschaften, der zweite der Repräsentant der europäischen und der dritte der Repräsentant der afrikanischen Völkerschaften gewesen sei. Unter dem Gesichtspunkt, dass das Christentum die Religion irdischer Harmonie ist, sah man in den drei Königen und ihrer Huldigung stets ein Zusammenfließen der verschiedenen Strömungen und religiösen Richtungen in der Welt zu dem einen Prinzip, dem Christus-Prinzip.

  7. “Wie das Licht von der Sonne herunterfließt und jeden Grashalm herauslockt, so wie man ohne dieses Licht nicht von einem Grün sprechen könnte und von einer Blume auf der Erde, so würde alles innere Leben der Welt, vor allem das fortschreitende, nicht sein können, wenn nicht ein inneres geistiges Licht unentwegt hinein segnete in die Welt, in die innere Welt der Lebewesen hinein…” Christian Morgenstern

    Letztendlich muß es die Ehrfurcht vor dem Leben und die Liebe zum Kindlein gewesen sein, die den Samen des inneren geistigen Lichtes in den Protagonisten dieser wunderschönen Geschichte voll erblühen ließ.

    In diesem Sinne wünsche ich Herrn Ludwig und allen Kommentatoren ein gesegnetes, hoffnungsvolles Weihnachtsfest und ein von allen guten Mächten getragenes neues Jahr!

  8. „Meines Wissens gibt es nur Sagen und Legenden über die Heiligen Drei Könige und keine äußeren historischen Nachweise, aus welchen Ländern sie kamen. “

    Vorausgesetzt wir wurden in einem christlichen Haushalt erzogen, lernten wir diese Geschichte als wahre Begebenheit, auch in der Schule mindestens im Katechismus-Unterricht, als Vorstufe zur Kommunion. Wer will in diesem Alter Feinheiten auf den Wahrheitsgehalt überprüfen? Eher machten wir es als Kinder an der Sympathie des Vortragenden fest.

    Die blumigste Geschichte erzählte m.W. Matthäus von dem bekannt ist, dass er zu Ausschmückungen neigte, während die überlieferten Zeilen von Lukas seinen typisch eher kurz gefassten Beschreibungen entspricht. Ich habe deshalb aus Neugier als jüngerer Erwachsener die wesentlichen antiken Schriften und die Luther-Übersetzungen unter Hilfestellung von theologischen Büchern untersucht. Hängen geblieben ist, dass es sich insgesamt in der Tat um Sagen und Legenden handelt.

    Erst später wurde mir klar, dass es den Verfassern nicht einfach um das redaktionelle Verfälschen dieser Geschichte ging, sondern um die Nachricht (Evangelium= gute Nachricht), dass ein neues Zeitalter angebrochen ist, ein neues Denken. Sowohl die Geburt, als auch die Rahmenbedingungen die geschildert werden, sind deshalb nur mit Logik und einem Verständnis für die Zeit zu greifen. Luther übersetzt z.B. das Wort „katalyma“ mit Herberge, was kaum möglich ist. Schließlich war Bethlehem ein derart kleiner Ort (weniger als 100 EW, noch 1922 224 EW), dass eine Herberge im damaligen Sinne, direkt pleite gegangen wäre. Denn eine Herberge war seinerzeit eher etwas wie im Mittelalter der Gasthof, mit angeschlossenen Übernachtungsräumen. Die Herberge dürfte also eher ein Zimmer in einem bäuerlichen Gebäude gewesen sein, in dem zu bestimmten Nachtzeiten auch das Kapital der Menschen, die Nutztiere mit Futterkrippe untergebracht waren. Nach dem Buch Jesaja waren in der jüdischen Tradition dies Ochs und Esel. M.E. der Grund, warum diese hinzugedichtet wurden oder vielleicht tatsächlich vorhanden waren. Die Überfüllung wegen der Steuertermine erklärt sich damit von selbst. Die beiden gingen einfach in das Nachbarzimmer zu den Tieren, wo es warm und trocken war und die junge Frau (nicht Jungfrau=Falschübersetzung) gebar ihr Kind. Vor vielleicht zehn oder fünfzehn Gesellen im Nebenraum doch wohl kaum.

    Die heiligen drei Könige verorte ich im Kosmos. Sie sind wohl eher sinnbildlich in zwei Hinsichten zu verstehen. Einmal als Unterlegung für die Wichtigkeit des neu angebrochenen Zeitalters und zweites als Zeichen des „Himmels“, einer bestimmten Sternenkonstellation.

    Auch die Geschichte um Herodes ist m.E. einfach erklärbar. Er hatte Kinder die ihm nach dem Leben trachteten. Daraus haben die Verfasser eine Mordsgeschichte gebaut, um ihrem Glauben einen besonders hohen Stellenwert zu geben. Der Massenmord an Kindern hat so m.E. nie stattgefunden. Als Zeuge benenne ich den Historiker seiner Zeit Flavius Josephus, der nach eigenem Bekunden Herodes überhaupt nicht mochte, aber unter diesem Aspekt unverständlicherweise einen solchen Massenmord nie erwähnte. Das passt nicht.

    Fazit: Man sollte den Kindern keine dummen Geschichten erzählen, die einer späteren Überprüfung in keinster Weise standhalten (können). Besser wäre es, wenn man den Sinngehalt transportiert, der es ja in sich hat und eine kulturelle vor allem geistige Revolution darstellte. Das ist die Besonderheit, nämlich, dass das Ur-Christentum (nicht der Katholizismus) die Spielräume lässt, um sich weiter hin zur Wahrheit entwickeln. Deshalb gibt es jedes Jahr den (heidnischen) Christbaum bei uns, und zu Zeiten der Kinder als sie klein waren, die Krippe und selbstverständlich die Tiere, die drei „Könige“, mitsamt der Familie Jesu unter diesem heidnischen😢 Baum.

    in diesem Sinne Frohe Weihnacht allen Menschen, gleich welcher Religion oder Herkunft!

    1. Lieber Herr Stendahl, wenn ich geschrieben habe, „Meines Wissens gibt es nur Sagen und Legenden über die Heiligen Drei Könige und keine äußeren historischen Nachweise, aus welchen Ländern sie kamen“, so meine ich damit nicht, dass es diesen Zug der drei Könige, Weisen oder Magier zu dem Jesus-Kinde, dessen Geburt der Evangelist Matthäus schildert, nicht gegeben habe. Echten spirituellen Sagen und Legenden liegen auch Tatsachen zugrunde, die nur oft verborgen bleiben. So gibt es keinen äußeren historischen Nachweis der drei Könige und ihrer Herkunftsländer, aber das heißt nicht, dass ihre Existenz nicht wahr sei.
      Auf die Evangelien will ich hier nicht eingehen, das ist ein eigenes, komplexes Thema.

      1. Guten Abend Herr Ludwig,
        es gibt ja viele metaphorische und symbolische Akte im biblischen Neutestamentlichen, die sich auf den ersten Blick einer rationalen Erklärung entziehen. So die Idee aus dem 6.Jahrhundert, dass Caspar Afrika verkörpert, daher seine schwarze Gesichtsfarbe. Balthasar symbolisiert meist Asien und Melchior Europa. Heute wären es vielleicht vier oder fünf Könige, da damals weder Australien noch Amerika bekannt waren.

        Meiner Meinung nach ist diese Geschichte wahrscheinlich aus einem Kern entstanden, aber wie überliefert wohl nicht real, im Sinne materieller Erscheinung. Sie steht für mich symbolisch für den inneren immer wiederkehrenden universalen Zwang, dass ein geistiger Paradigmenwechsel anstand; wie vor 3.200 Jahren mit Moses, so um das Jahr Null nach heutiger Zeitrechnung mit Jesus und das Jahr 2012, das in vielen alten Philosophien, Mythen und Religionen Erwähnung findet.
        Dabei ist die Zahl Drei offensichtlich von größter Bedeutung. Das geht aus den Mythen zu aus Ägypten(Osiris als Gottes Sohn) und den Assyrern, Armeniern und den Phöniziern. Allesamt feiern am 6. Januar die „Drei“. Ich denke, dass es so etwas wie Symbole für Erdenzyklen sind.

        Hat nicht auch Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang etwas von „Geistselbst-Werdung“ vorgetragen? Den Vortrag suche ich mir die nächsten Tage nochmal raus. Gibt es ein Buch von ihm, wo er dieses Thema behandelt?

        1. @ hubi stendahl
          Die Heiligen Drei Könige haben nach den geistig-übersinnlichen Forschungen Rudolf Steiners auch eine irdische Realität. Zwischen ihnen und der hohen menschlischen Individualität des von Matthäus geschilderten Jesus-Knaben bestand ein tiefer karmischer Zusammenhang, wie Michael oben in seinem Kommentar schon angedeutet hat. Das ist jedenfalls die irdische Grundlage der Legenden über sie, die mehr oder weniger die spirituelle Dimension ihrer Erscheinung zum Ausdruck bringen.
          Das höhere Wesensglied des „Geistselbst“ hat direkt damit nichts zu tun. Darüber finden Sie hier einiges:
          https://anthrowiki.at/Geistselbst

      2. Buddha soll gesagt haben: Lerne loszulassen, es ist der Schlüssel zum Glück.
        Konfuzius werden diese Worte zugesprochen: Was Du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es Dir – für immer.
        Loslassen hört sich so einfach an, ist es aber nicht, wirklich nicht.
        Nimm die Unsicherheit (der Welt, der Geschichte, der Geschichten, des eigenen kleinen Kosmos) an und lerne loszulassen. Dein selbstgewählter Name sei dir Programm, die Frage stets wichtiger, als die Antwort.
        Der tägliche Rat von Grand Nix an Grand Nix

    2. # hubi Stendahl
      Ich danke Ihnen sehr für Ihre (wieder) kluge und sehr ausführliche Antwort. Ich hatte mir ähnliche Gedanken wie Sie gemacht und bin der Sache (wenn auch viel später) auf den Grund gegangen, und wie Sie zu ähnlichen Erkenntnissen/Ergebnissen gekommen. Nochmals danke, lieber hubi Stendahl.

      Übrigens, mein liebe Großmutter wusste nicht, was sie mir auf der Karte zeigen sollte und war etwas verlegen (glaube ich), was ich von dieser resoluten Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben stand, so nicht kannte. Sie hatte diese Geschichte bereits als Kind so verinnerlicht, dass Sie nicht mehr darüber nachdachte. Aber, was ich sehr an ihr schätzte, war die Tatsache, dass sie der Sache auf den Grund ging, die Frage weiterleitete.
      Man sollte wohl öfter mal innehalten, nachdenken und nachfragen, besonders bei vertrauten und liebgewonnenen Dingen.

      Dass an der Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viel dran ist, hält mich aber trotzdem nicht davon ab, ganz im Gegenteil, diese besonderen Feiertage immer wieder zu genießen. Die Menschen sind dann in der Regel viel gelassener und zugänglicher und froh gestimmt. Und man trifft seine Lieben, die noch da sind.
      Ist es nicht genau das, was am Ende des Tages, am Ende eines jeden Jahres wirklich zählt? Und wenn uns der Herr Ludwig, vielen vielen Dank dafür, auch noch so eine wunderbare Geschichte unter den Tannenbaum legt, kann man getrost die Seele baumeln lassen, abschalten, die Gedanken fliegen lassen, Gefühle zulassen und sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen.
      Genießen wir also die Feiertage – es wäre sehr schade, wenn es die nicht mehr gäbe.

      1. Hallo @Grand Nix,
        vielen Dank für das Feedback. Ich hätte es wahrscheinlich genauso aus der Feder zu Papier gebracht wie Sie.
        „Dass an der Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viel dran ist, hält mich aber trotzdem nicht davon ab, ganz im Gegenteil, diese besonderen Feiertage immer wieder zu genießen.“

        Das ist der Punkt. Denn es geht nicht um die Authentizität einer 2000 Jahre alten Geschichte, die möglicherweise Anleihen aus noch viel älteren Geschehnissen genommen hat; es geht um die kulturelle Entwicklung unserer Art, um die Nachvollziehbarkeit eines Konzepts unserer Vorfahren, um daraus Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen. Ob es dafür eines in physischer Gestalt erschienenen Jesus bedurfte, ob er eine Gruppe war oder physisch gar nicht existierte, sondern als Synonym für den Aufbruch in ein neues Zeitalter stand und steht (die Veden sprechen vom Mittelalter des Kali-Yuga (Zeitalter des Streits), ist nur auf der einfachsten Denkebene von Bedeutung.

        Es ist m.E. nun an der Zeit zu erkennen, dass es sowohl in der leider teils gefälschten Bibel (z.B. viele Paulusbriefe), als auch in den spannenden Schriften die es nicht dort hineinschafften, nur um unsere zyklische geistige Fortentwicklung geht, deren Zeit zum nächsten Zyklus nun unumkehrbar gekommen ist. Ich bin sicher, dass es aktuell nur noch darum geht, ob wir nochmals eine Ehrenrunde wegen Unreife drehen müssen oder ob sich die Erleuchtung nun schrittweise mit dem Verzicht auf materiell lieb gewordene Gewohnheiten einstellen muss. Noch nie waren die Voraussetzungen so gut wie heute zu verstehen, dass wir nicht das Auto sondern der Lenker (Geist/Materie) sind; dass wir nur dann unseren individuellen Nutzen am besten erfüllt wissen, wenn der Nutzen aller stets im Vordergrund steht (Jesus, Yin-Yang usw), denn wir sind Teil des Ganzen und sind das Ganze; und dass das kollektiv Unbewusste in uns wieder von uns erkannt werden muss, um zur Auferstehung aus dem geistigen Tod zu kommen (Selbstverantwortung). Dafür haben unsere Vorfahren uns die Schriften hinterlassen. Verstehen statt oktroyiertes Glauben.

        Dass ich mir also einen (heidnischen) Tannenbaum mit extra besorgtem alten Lametta und echten Kerzen zu diesem Fest ins Wohnzimmer stelle, verhindert nicht meine Ablehnung des Katholizismus, sondern unterstützt mein Wissen um das geniale Jesus-Konzept, das im Kern die frohe Botschaft vermittelt, dass wir uns in Zukunft als geistiges Wesen erkennen werden, das als Teil des Ganzen nie zum Schaden des Ganzen agieren kann, da es sich damit nur selbst schadet. Dafür muss aber zunächst die Blindheit weichen, die allen Völkern ins kollektiv Unbewusste geschrieben wurde.

        1. @ hubi Stendahl
          „Ob es dafür eines in physischer Gestalt erschienenen Jesus bedurfte, ob er eine Gruppe war oder physisch gar nicht existierte, sondern als Synonym für den Aufbruch in ein neues Zeitalter stand und steht (die Veden sprechen vom Mittelalter des Kali-Yuga (Zeitalter des Streits), ist nur auf der einfachsten Denkebene von Bedeutung.“

          O nein, es hängt alles von der Existenz des Jesus von Nazarath ab und des Gottes Christus, der sich in dessen Leibesorganisation verkörperte und in menschlicher Gestalt über die Erde schritt, seinem freiwillig erlittenen Tod, um ihn für die Menschheit vorbildhaft in der Auferstehung zu überwinden. Das Entscheidende Jesu-Christi ist nicht seine Lehre, sondern das, was er für die Menschheit real vollbracht hat.
          Die Lehre des Christentums als „Konzept unserer Vorfahren“, hätte als blasse verschwommene Vorstellung nicht das bewirken können, was durch das gewaltige Eingreifen des Christentums als geistige Kraft im Menschen an Veränderungen in der Geschichte der Menschheit bewirkt worden ist.

          Der Weihnachtsbaum ist übrigens nicht heidnisch, sondern hat sich als christlicher Brauch seit dem 17., 18. Jahrhundert – vom Elsaß ausgehend – in ganz Deutschland verbreitet. Er wurde immer als leuchtendes Symbol für den Baum des Lebens aus dem Paradies, der durch den Sündenfall verloren war und nun von Christus der Menschheit wiedergebracht wurde, empfunden.
          Zur Ausbreitung siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsbaum

        2. @hwludwig

          Der Weihnachtsbaum ist übrigens nicht heidnisch, sondern hat sich als christlicher Brauch seit dem 17., 18. Jahrhundert – vom Elsaß ausgehend – in ganz Deutschland verbreitet.

          Der Weihnachtsbaum soll ursprünglich von den alten Ägyptern herkommen und seine ursprüngliche Form war eine zwölfgliedrige Palme, welche als Symbol für ein abgeschlossenes Jahr galt. … Wie auch immer, das ganze Weihnachtsfest ist nicht christlichen Ursprungs. Massgeblich daran beteiligt, war auch Aurelian’s Sonnenkult, und dessen Höhepunkt’s. Der Tag des unbesiegbaren Sonnengottes, des Sol invictus, soll am 25. Dezember gefeiert worden sein.

          So um 380 nach Christus wurde dann durch ROM, das Weihnachtsfest gewissermassen generell zusammen mit dem Christentum fürs ganze Imperium importiert. Daraus entwickelte sich dann im Lauf der Jahrhunderte, die ganze weihnachtliche Show (Weihnachsbaum / Ochs und Esel / Krippe etz.) , bis hin zum heutigen fast rein kommerziellen Megaereigniss.

        3. @dragaonordestino
          Eine zwölfgliedrige Palme hat als christliches Symbol nie eine Rolle gespielt. Die Tanne als Weihnachtsbaum ist erst im 17., 18. Jahrhundert innerhalb des Christentums aus ganz anderen Untergründen aufgekommen.
          Den Kult des Sonnengottes hat es in den vorchristlichen Kulturen vielfach gegeben, auch in Ägypten und Persien. Darin liegt aber nicht der Ursprung des Christentums, auch wenn da eine geistige Verbindung besteht. Der Ursprung des Christentums liegt darin, dass dieser Sonnengott, in dem alles Leben der Welt und des Menschen gesehen wurde, aus der göttlichen Welt herunterstieg, einen menschlichen Leib bezog und darin den Tod des physischen Leibes überwand. Damit war ein ganz anderes Verhältnis des bis dato in der geistigen Welt verweilenden Gottes zu den Menschen auf der Erde begründet. („Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“)

          Das Christentum wurde nicht mit dem Weihnachtsfest um 380 nach Rom importiert. Christliche Gemeinden lebten schon früh in den Katakomben der römischen Städte. Um 380 machte nur Kaiser Konstantin das Christentum aus politischen Gründen zur Staatsreligion, womit der christlichen Kirche verhängnisvoll Struktur und Geist des römischen Imperiums eingefügt wurde, die bis heute die römisch-katholische Kirche mit ihrem seelischen und weltlichen Herrschafts- und Machtanspruch prägen, die mit dem eigentlichen Christentum nichts zu tun haben, im Gegenteil antichristlich sind.

        4. # hubi Stendhal
          Ich lese Ihre Worte, lieber hubi Stendhal, und bin ganz hin und weg. Der Körper spannt sich, die Sinne geschärft, die Augen auf jedes Wort gerichtet. Der Kommentar von Ihnen ist stimmig, gut strukturiert und Widersprüche vorerst nicht erkennbar. Ich hätte Sie gern als Sekundanten in einem Rededuell an meiner Seite. (Dickes Lob, ja, aber jedes Wort genau so gemeint.)

          Ich lese Ihre Zeilen nochmal …
          Da ist noch etwas, was zu fragen sich für mich und andere lohnen könnte, lieber hubi Stendhal.
          1. „Ich bin sicher, dass es aktuell nur noch darum geht, ob wir nochmals eine Ehrenrunde wegen Unreife drehen müssen oder ob sich die Erleuchtung (interessantes Wort in diesem Zusammenhang) nun schrittweise mit dem Verzicht auf materiell lieb gewordene Gewohnheiten einstellen muss.“
          Ich bin mir da leider nicht so sicher, siehe dazu Nicolo Machiavellis zyklisches Geschichtsverständnis (von der politischen Ordnung hin zur politischen Unordnung und so fort). Machiavelli, Discursi, 1977, I. 2, Seite 14f. Ließe sich dass nicht auch auf die religiöse /ideologische Ordnung/Unordnung übertragen? (Nach dem Crash/Krieg ist vor dem Crash/Krieg und so weiter?)

          2. „… dass wir nicht das Auto sondern der Lenker (Geist/Materie) sind.“ Ich habe den Eindruck, dass wir nicht mal in der Nähe des Lenkrads sitzen, sondern vermutlich nur als zufälliger Gast auf der Rückbank hocken mit bangen Erwartungen und Hoffnungen, und die Karre rollt wie sie will, mal gegen die Wand (ich denke da an die Dinos vor 65 Millionen Jahren) oder irgendwie ins Nirgendwo ruckelt (das momentane Weltgeschehen). Ist es nicht die unausmerzbare Unreife der Menschen, das Ungewisse (ein Wagen voller Möglichkeiten oder nur unkalkulierbarer Gefahren) aus denen die Mächtigen immer wieder ihren Honig, ihren Vorteil saugen? Das Narrenschiff also permanent auf Dauerrundfahrt?

  9. Herodes’ Massenmord an Kindern könnte trotz einiger, sich aus der Überlieferung ergebenden Widersprüche stattgefunden haben, doch die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich nicht zugetragen haben, ist größer, zumal der Herodes nicht mögende Flavius Josephus nicht über den Massenmord an Kindern berichtete.

    Fröhliche Weihnacht!

  10. „Die Rettung des Kindes“

    Das Kind wird – wenn es kein Kind mehr ist -. Fragen stellen nach seiner Herkunft. Es wird fragen nach seinem Stammbaum. Und es wird fragen, ob denn sein kann, dass EIN Kind ZWEI Stammbäume hat, wie z.B. Matthäus 1 uns „Jesu Stammbaum“zu lesen gibt und Lukas 3 uns einen anderen „Jesu Stammbaum“ zu lesen gibt.
    Es wird fragen nach dem Weg, der Wahrheit und dem Leben.

  11. All die Lichterketten in den Straßen und die umgedrehten Pentagramme, die getarnt als “Weihnachtsstern” in den Fenstern der Menschen hängen, stimmen nachdenklich. Fast überall wird suggeriert, dass es sich um ein Genussfest handelt und die neu erfundene, amerikanisierte, von Hollywood materialistisch aufbereitete “Weihnachtsgeschichte”, dreht sich einzig und alleine um einen Weihnachtsmann, der auf seinem Schlitten daher kommt, um Geschenke zu verteilen. Während sich diese künstlichen Bilder in den Herzen vieler Menschen verfestigt haben, käme kaum einer auf die Idee zu hinterfragen, ob es sich hierbei nicht um eine gewollte Ablenkung vom wahren Geschehen handelt.

    Wie sich die Zeiten doch ändern! Einst wurden tiefste Wahrheiten durch Sagen und Mythen weiter vermittelt (auch noch durch unsere Großmütter), die heute der Lächerlichkeit preisgegeben und als unwahr gebrandmarkt werden.
    Rudolf Steiner öffnete ebenso eine Tür zu Realitäten der übersinnlichen, sinnlichen und untersinnlichen Welt (Makro-und Mikrokosmos) und schaffte somit eine Grundlage für ein umfassendes Evangelien-Verständnis. Durch die Anthroposophie, gab der Universalgelehrte Rudolf Steiner den Menschen einen Schlüssel an die Hand, um die Evangelien in ihrer ganzen Tiefe verstehen zu können.

    Wer wissen will, welchen Sinn die 13 heiligen Weihe-Nächte tatsächlich haben und was Christentum wirklich bedeutet, der erhält hier eine kurze Einführung: https://www.youtube.com/watch?v=HRIq52-UdY4

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