Ein „wissenschaftlicher“ Kongress

„Tiere haben ihre Komik und ihre Tragik wie wir; sie sind voller Ähnlichkeit und Wechselbeziehung“, schreibt der Dichter Manfred Kyber einleitend zu seinen Tiergeschichten. Tiere erscheinen wie Bruchteile des Menschen. Sie sind jeweils in eine ganz spezielle Lebensperspektive gebunden, aus der sie, anders als der Mensch, nicht herauskönnen. Daher können sie dem Menschen ein Spiegelbild  eigener Einseitigkeit vorhalten, in die er sich verrannt hat und darin stecken bleibt. Bei der folgenden Geschichte Manfred Kybers stellen sich unwillkürlich Assoziationen an enge materialistische Lebensanschauungen und Wissenschaften ein, die in dieser beschränkten Perspektive in absurder Weise festsitzen – allerdings mit oft schwerwiegenden Folgen. (hl)

 Der K. d. R.

 von Manfred Kyber


Die Regenwürmer hatten einen Kongress einberufen.
Es war ein moderner Kongress. Darum hieß er nicht der Kongress der Regenwürmer, sondern der K.d.R.
Der K.d.R. tagte im Garten an einer recht staubigen Stelle. Es wurden nur Fragen der Bodenkultur erörtert. Weiter geht der Horizont der Regenwürmer nicht. Sie kriechen auf der Erde und essen Erde. Es sind arme bescheidene Leute, aber sie sind nützlich und notwendig. Die Erde würde ohne sie nicht gedeihen. Ihre Arbeit muss verrichtet werden.

Es war Abend. Die Dämmerung lag auf den Wegen, auf denen der K.d.R. zusammengekrochen war.
Ein langer alter Regenwurm hatte den Vorsitz übernommen. Er besprach Fragen lokaler Natur, die Bodenverhältnisse des Gartens, in dem man arbeitete. Es waren erfreuliche Resultate.
»Wir sind schon recht tief in die Erde eingedrungen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir haben viele Erdschichten an die Oberfläche befördert, von denen niemand vorher etwas wusste. Wir haben sie zerlegt und zerkleinert. Aber die Erde scheint noch tiefer zu sein, als wir dachten. Sie scheint noch mehr zu bergen, als wir heraufgeschafft haben. Wir müssen fleißig weiter überall herumkriechen und Erde essen. Es ist eine große Aufgabe. Damit schließe ich den K.d.R.«
Er ringelte sich verbindlich.

Der offizielle Teil des K.d.R. war erledigt.
Man bildete zwanglose Gruppen mit Nachbarn und Freunden und sprach über die Praxis der Gliederbildung. Man wollte allerseits lang werden. Darin sah man den Fortschritt. Neue Methoden hierfür waren stets von Interesse.
„Die allerneueste Methode, lang zu werden«, sagte ein junger Regenwurm, »heißt ›Ringle dich mit dem Strohhalm‹. Das stärkt die Muskeln und zieht die Glieder auseinander. Sehen Sie – so!«
Er tastete nach einem Strohhalm und demonstrierte die neue Methode energisch und mit Überzeugung. Dabei stieß er an etwas an. Er fühlte, dass es rauh und haarig war.
»Nanu, was ist denn das? Das hat ja Haare und bewegt sich!«
Er ringelte sich ängstlich vom Strohhalm los.

»Verzeihen Sie, ich war so müde. Da hab ich mich auf den Strohhalm gesetzt«, sagte das Etwas mit Haaren.
»Wer sind Sie denn?« fragte der Regenwurm und kroch vorsichtig wieder näher.
»Ich bin Raupe von Beruf. Ich hätte mich gewiss nicht auf den Strohhalm gesetzt, aber ich bin so sehr müde. Ich habe einen so langen Weg hinter mir. Ich bin immer im Staub gekrochen. Nur selten fand ich etwas Grünes. Ich bin ein bisschen schwächlich, schon von Kind an. Es ist auch so angreifend, bei jedem Schritt den Rücken zu krümmen. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin zu müde. Sterbensmüde.« Die Raupe war ganz verstaubt und erschöpft. Ihre Beinstummel zitterten.
Der gesamte K.d.R. kroch teilnahmsvoll heran.
»Sie müssen sich stärken«, sagte ein Regenwurm freundlich. »Sie müssen etwas Erde zu sich nehmen.«
»Nein danke«, sagte die Raupe, »ich bin zum Essen zu müde. Mir ist überhaupt so sonderbar. Ich will nicht mehr auf der Erde kriechen.«
»Aber ich bitte Sie«, sagte der Präsident des K.d.R. »Das ist das Leben, dass man auf der Erde kriecht und Erde isst. Wenn man das nicht mehr kann, stirbt man. Man soll aber leben und recht lang werden. Ich kann Ihnen verschiedene Methoden empfehlen. Es ist Makrobiotik.«
»Ich glaube, dass man nicht stirbt«, sagte die Raupe. »Wenn man zu müde ist und nicht mehr auf der Erde kriechen kann, verpuppt man sich, und nachher wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten. Ich weiß nur nicht, wie man es macht. Ich bin auch viel zu müde, um darüber nachzudenken.«
Die Regenwürmer ringelten sich aufgeregt und ratlos durcheinander.
»Fliegen? – Sonnenlicht? – Was heißt das? – So was gibt’s doch gar nicht! – Sie sind wohl krank?«
»Sie gebrauchen solche kuriosen Fremdworte«, sagte der Präsident des K.d.R. »Ihnen ist einfach nicht wohl!«

Die Raupe antwortete nicht mehr. Sie war zu müde. Sterbensmüde. Sie klammerte sich an den Strohhalm. Dann wurde es dunkel um sie.
Aus ihr heraus aber spannen sich feine Fäden und spannen den verstaubten sterbensmüden Körper ein.
»Das ist ja eine schreckliche Krankheit«, sagten die Regenwürmer.
»Es ist ein Phänomen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir wollen es beobachten.«
Einige Kapazitäten nickten zustimmend mit den Kopfringeln.

Es vergingen Wochen. Der Präsident des K.d.R. und die Kapazitäten krochen täglich an das Phänomen heran und betasteten es. Das Phänomen sah weiß aus. Es war ganz versponnen und lag regungslos am Boden.
Endlich, in der Frühe eines Morgens, regte sich das versponnene Ding. Ein kleiner bunter Falter kam heraus und sah mit erstaunten Augen um sich. Er hielt die Flügel gefaltet und verstand nicht, was er damit sollte. Denn er hatte vergessen, was er als Raupe geglaubt und gehofft hatte – und wie müde er gewesen war, sterbensmüde .. .
Die Flügel aber wuchsen im Sonnenlicht. Sie wurden stark und farbenfroh.
Da breitete der Falter die Schwingen aus und flog weit über die Erde ins Sonnenlicht hinein.
Die Glockenblumen läuteten.

Unten im Staube tagte der K.d.R.
Man hatte die leere Hülle gefunden, und alle Kapazitäten waren zusammengekrochen.
»Es ist nur ein Mantel«, sagte die erste Kapazität enttäuscht.
»Die Krankheit ist allein zurückgeblieben«, sagte die zweite Kapazität.
»Der Mantel ist eben die Krankheit«, sagte die dritte Kapazität.

Hoch über ihren blinden Köpfen gaukelte der Falter in der blauen sonnigen Luft.

„Nun ist es ganz tot“, sagten die Regenwürmer.

»Resurrexit, er ist auferstanden!« sangen tausend Stimmen im Licht.

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14 Kommentare zu „Ein „wissenschaftlicher“ Kongress“

  1. Eine herzerfrischende Fabel vom Erden-Leben, vom Sterben des Körpers & vom ewigen Kreislauf der göttlichen Schöpfung – und vom Präsidenten des Kongresses der Regenwürmer – den keiner auf Erden derzeit so gut spielen kann, wie unser oberster Wissenschafts-Präsident, begnadeter Gen-Therapeut, herausragender KI-Experte, allwissender Politologe, der Erden-Zeit weit enteilter Klimatologe & ganz bestimmt von Gott eingesetzter Impfologe mit Namen K.B.G.!
    https://www.rubikon.news/artikel/wer-wenn-nicht-er-schon-wieder

  2. Darin ist viel Aktuelles: ein moderner Kongreß als Buchstabenkonstrukt wie all die nach dm Krieg entstandenen NGOs. Dann das Graben bis in die Tiefe der Erde als „höher-schneller-weiter“ oder das ewige Wachstum für nichts. Das Erlebnis mit der Raupe: „Glaube nur, was du siehst und kennst“. Der Mantel ist die Krankheit, jetzt ist es der Virus. Mit dem Tod muß alles enden. Wer nie in der Luft flog, kann sich sowas auch nicht vorstellen.

    Heute früh suchte ich im nebeligen Garten meinen Hund mit den Augen. Plötzlich spürte ich einen starren Blick aus dem Dunkel eines verdeckten Busches. Ich winkte nur und brauchte nicht rufen. Wir haben uns verstanden.
    Man lächelt über die Regenwürmer, aber sind wir nicht selbst ein Teil von ihnen gemacht worden?
    WER macht das mit uns? Und warum lassen wir uns überhaupt degradieren? Weil wir träge geworden sind, denkträge.
    Wir beschäftigen uns zwar, aber ist das nützlich für uns?
    Ich werde die Geschichte meinen Schülern diktieren. Mal schaun, was sie daraus entnehmen.

  3. Seit Tagen fahren wir (meine Frau, unsern Hund und ich) die Ahrtalkatastrophe mit dem Wohnmobil ab und sprechen mit den „Raupen“. Der Kongress der Regenwürmer ist schon Monate her und z.B. in Swisstal-Odendorf und Bad Münstereifel kamen bisher nur Präsidenten und Gaukler des K.d.R. mit Schüttelschecks und Blitzlichtern der überregionalen Hochleistungs-Presse, um das Szenario für ihre Weltsicht hinsichtlich Solidarität vernebelnd zu vermarkten. Bis auf ein paar Lacher der Präsidenten und Gaukler, ist nichts geblieben und bis heute oft auch nichts gekommen.. Nur warme Worte. Über die Altstadt von Bad Münstereifel redet niemand. Sie sieht immer noch aus, als hätte Satan persönlich gewütet. Das ist Krieg.

    Doch die Raupen puppen sich und ihre Gleichartigen kamen von überall her geflogen, um neues Leben in ihnen zu entfachen. Die Burg Nideggen kocht für die Helfer, die Kinder bekommen wieder Spielsachen, die Familien leben echte Solidarität und packen an. Obwohl sie von den K.d.R. behindert werden, denn Familie und gelebte Solidarität geht gar nicht, entwickelten sie Flügel, um zumindest das Nötigste zu realisieren. Selbst weit entfernte „Gleichartige“ spenden, damit ihren Artgenossen wieder Flügel wachsen. Aber wo ist der Präsident des K.d.R. abgeblieben? Er hat sich mit seiner Gefolgschaft unter Omikron vergraben und kehrt ein erfundenes Virus nach dem anderen aus dem Boden, damit die Raupen nicht auf die Idee kommen, sie könnten womöglich irgendwann sich ihrer Schale entledigen und der Sonne entgegen fliegen.

  4. Die Raupe, die sich verpuppt, schirmt sich gegen die komplette äußere Welt ab und geht nach „Innen“.
    Sie hat in dieser Zeit keinen Kontakt mehr zu ihrer Aussenwelt und ist auch nicht mehr ihren Einflüssen und Einflüsterungen ausgeliefert. Sie kann völlig umhüllt und geschützt im Inneren die Metamorphose zum „Schmetterling“ vollziehen und sich anschließend in die Lüfte erheben und davonfliegen. Alle anderen haben nur noch die Möglichkeit, alles um die zurückgebliebene Hülle zu erforschen.

    Auch in der esoterischen Lehre (nach innen) wird uns das gelehrt. Solange du dich mit den Problem im Aussen identifizierst und dich vor allem als ein „Opfer“ der Umstände fühlst, (hier schlägt das ein oder andere Karma auf 😉 ) spielst du das geisteskranke Spiel mit und bist ein Teil davon.

    It’s simple, but it’s not easy (Ra Uru Hu)

  5. Es gibt viele Familien, die sich verpuppt haben. Sie leben mit ihren Kindern in guter Gemeinschaft und werden der Schmetterling sein, sobald diese trübe Phase der Lügen- und Machtspiele vorbei ist. Die alte Normalität ist bereits tot. Die Vorhaben der Aggressoren platzen eben:

    Was danach geschieht, wird uns erstaunen. Mut und Verantwortung werden die Flügen sein, die uns davontragen in die neue Ära.

  6. „»Resurrexit, er ist auferstanden!« sangen tausend Stimmen im Licht.“

    Die Auferstehung ist ein Thema das die Menschheit völlig unvorbereitet überraschen wird.
    Viele Menschen die daran teilnehmen, werden keinen „Mantel“ zurück lassen. Denn auch das Grab Jesu war leer.
    Mütter werden ihre kleinen Kinder suchen und nicht finden. Welch ein verzweifeltes Weh der Mütter. Unverständnis, weil kein Glauben und kein Wissen in ihnen vorhanden ist.

    Siehe hier:
    Lukas 17,35 Zwei werden miteinander mahlen; die eine wird genommen, und die andere wird zurückgelassen werden.
    Lukas 17,36 Zwei werden auf dem Feld sein; der eine wird genommen und der andere zurückgelassen werden.
    (…)

    Die Glocken der Heimat läuten.

  7. Raupe zum Regenwurm:“…wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten.“

    Vorher war die Heimat des Wesens so klein wie ein grüner Ast mit grünen Blättern im Abendrot.
    Nach der Verpuppung platzte dem jungen Schmetterling zuerst der Kragen. Und dann die ganze Puppe, und sein Horizont wurde weiter, grösser, riesiggross, kilometerweit! Er konnte nun auch unter sich lauter Regenwürmer sehen und Glockenblumen läuten hören.
    „Resurrexit, er ist auferstanden !“
    Nur scheint mir, als könnten zaghafte Seelchen nur zurückschrecken vor der Verbindung von zwei Dingen.
    1.) „er ist“ Und 2.) Auferstehung.
    Auferstehung ist kein Familienausflug der Familie „Wir“ ins Grüne..
    Sie ist auch kein Volksausflug nach Indien.

  8. Vielen Dank für diesen wunderbaren Anstoß, sich mit einer der tiefsinnigen Tiergeschichten von Manfred Kyber und dem Schriftsteller selbst auseinander zu setzen. Man spürt geradezu seine Liebe zu den Tieren und die hohe Einfühlsamkeit, die Tierwelt mit den Menschen auf natürliche Art und Weise (wieder) miteinander zu verbinden; auch geistig.
    Nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch Tierschützer u. Tierversuchsgegner („Tierversuche sind eine abendländische Kulturschande“), und u.a. Lyriker. Er lernte Rudolf Steiner kennen, der ihn wohl sehr geprägt hat.
    M. Kyber ist viel zu jung in Einsamkeit (die er wohl selbst gewählt haben soll ; wenn dem so ist, dann kann ich mir gut vorstellen, warum er die Einsamkeit gewählt hat) gestorben.

    Ihnen, Herr Ludwig, und allen Kommentatoren sowie Lesern
    wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr!

  9. Der Übergang des Bewußtseins vom Erdenleib in den Geistesleib bleibt niemandem erspart – spätestens dann, wenn der letzte Atemzug vergangen ist, beginnt dieser Prozeß auch beim hartgesottetsten Materialisten.

    Für den menschlichen Verstand ist klar, daß das mit dem „ewigen Weiterleben nach dem Tod“ nicht zu den Bereichen zählt, wo er Erkenntnis finden könnte, denn – er kennt nur Vergängliches und muß sich seiner Stimme enthalten. Kann sein – oder auch nicht – er KANN es NICHT WISSEN.

    Für alle, die dennoch daran glauben (müssen – als Notwendigkeit), aber natürlich auch keine Vorstellung vom Sterben haben können (Nahtoderfahrungen bieten lediglich minimale Einblicke), möchte ich die sehr anschauliche Schilderung eines Wissenden (das behauptet er von sich, wie auch, daß er zur Lehre berufen wurde) hier einstellen.
    http://boyinra.at/BYR/BoYinRa/Servers/einzelnblock.html?jenseits#Die%20Kunst%20zu%20sterben

  10. „Unter eines Baumes Rinde – saß die Made mit dem Kinde – sie ist Witwe, denn der Gatte den sie hatte – fiel vom Blatte – diente so auf diese Weise – einer Ameise zur Speise.“ …

    Was sagt uns die Erhardt’sche Lyrik? Ich denke, in unserer materialistisch geprägten Welt, so lange die Menschen sich nicht aus den niedersten Bewußtseinsebenen heraus“arbeiten“, bleibt es, wie es ist – Fressen oder gefressen werden. Das Gesetz des Dschungels gilt. Egobezogen und triebbedingt sein Dasein fristend, hinterläßt der Homo oeconomicus weiterhin eine blutige Spur in der Erdgeschichte. Ohne dass der Einzelne die eigene primitive, hedonistische Lebenshaltung hinterfragt, sich aus Fremdbestimmung und Unterordnung löst; mentale Neugier, Wissensdurst und Erkenntnisdrang wieder weckt und nicht mehr das „Materielle“ sondern das „Geistige“ als wichtig erachtet, gibt es kein Entrinnen. Es kommt, wie es kommen muss.

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