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Wie einflussreiche Kreise in England zum Ersten Weltkrieg trieben

4. August 2014

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich in Englands Oberschicht ein Netzwerk von lockeren Kreisen, Gruppen und Clubs gebildet, die aus dem Anspruch gottgewollter Überlegenheit der englischen „Rasse“ intensiv für eine imperialistische Ausbreitung des Britischen Empire wirkten und einen Krieg mit dem aufstrebenden Deutschen Reich für unausweichlich hielten. Im Mittelpunkt dieses Netzes stand eine von Cecil Rhodes, Alfred Milner und anderen gegründete geheime Gesellschaft, die nach Rhodes Tod im Jahr 1902 von Milner dominiert wurde. Dieser war Zentrum einer „Armee von Milianern“, wie ein Freund formulierte, die allesamt von seiner Führung und Inspiration abhingen. (Siehe hier)

Spiritismus und Prophezeiungen des kommenden Krieges

Viele, wie Cecil Rhodes und Alfred Milner, die einer Freimaurer-Loge angehörten, hatten ernstes Interesse an okkulten, spiritistischen Phänomenen und erhofften sich von dort Rat und Hilfe für ihre politischen Pläne. Zu ihnen zählte auch der zur Rhodes/Milnerschen Geheimgesellschaft gehörende Arthur J. Balfour (1848-1930; Premierminister 1902-1905, Marineminister 1915-1916, Außenminister 1916-1919). Seit dem Tod seiner Verlobten Mary Lyttelton im Jahr 1875 befasste er sich mit dem Spiritismus, „um der Geliebten im Jenseits nachzuforschen.“ (Markus Osterrieder: Welt im Umbruch, Suttgart 2014, S. 873) 1880 trat er der Metaphysical Society bei und wirkte 1893/94 als Präsident der Society für Psychical Research, aus der sich zahlreiche Anhänger Alfred Milners rekrutierten. „Schließlich empfing er am Palmsonntag des Jahres 1912 mit Hilfe des Mediums ´Mrs. Willet´ (…) und ihrer Fähigkeit des automatischen Schreibens das erste Skript von Mitteilungen ´Mary Catherine Lytteltons´; die ´Korrespondenz´ bestand fortan bis zu Balfours Tod 1930. Balfours Nichte und Biographin merkte an: ´Niemand kann Arthur Balfour verstehen, der vergisst, dass das Interesse für spekulative Gedanken Teil des Gefüges seiner alltäglichen Existenz war, wo auch immer er war, was auch immer er tat.´“ (A.a.O.)

1916, als er Außenminister des Kriegskabinetts unter Lloyd George wurde, erhielt Arthur Balfour von Arthur Conan Doyle, Spiritist und Erfinder der Romanfigur Sherlock Holmes, die Nachricht, der 1912 beim Untergang der Titanic ums Leben gekommene W. T. Stead (ein enger Freund Rhodes, Milners und Balfours) lasse ihm ausrichten, dass er mit Cecil Rhodes an seiner Seite „in die Augen Christi geblickt habe“. Und er habe gesagt: „Richte Arthur aus, dass seine Arbeit auf Erden heilig und göttlich ist – dass seine Botschaft die Meine ist.“ (Osterrieder, S. 873-74)

Osterrieder stellt fest, dass sich seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in England „im Verlauf von spiritistischen Séancen Erscheinungen manifestierten, die über einen kommenden europäischen Krieg prophezeiten.“ So erfolgte eine solche „Geistmitteilung“ im Kreis des Spiritualisten William Oxley in Manchester, die 1885 veröffentlicht wurde. Darin war „von einem mächtigen Kampf, einem schrecklichen Blutvergießen“ die Rede, das nach Ablauf von vierzehn Jahren eintreten werde, von „einer Entthronung der Könige, einem Umsturz der Mächte. „Die wichtigste Frage ist: Wird Britannien für immer verloren sein?“ Dies wurde in der Mitteilung durchaus für möglich gehalten, wenn nicht eine große spirituelle Macht interveniere. Aber um es retten zu können, müsse Britannien „sein bestes Blut lassen.“ (S. 874)

„Das Medium Leonora Piper (1857-1950) wiederum, welches (den Physiker) Oliver Lodge, den Philosophen William James und Richard Hodgson (prominentes Mitglied der englischen wie amerikanischen Societies for Psychical Researche) vom Spiritismus überzeugte, kündete um 1898 von der neuen Geistesoffenbarung im 20. Jahrhundert, doch solle dem ein schrecklicher Krieg in verschiedenen Teilen der Welt vorangehen, in dem ´die ganze Welt geläutert und gereinigt werden´ müsse.“ Auch die Ehefrau des Politikers Alfred Lyttelton, Dame Edith, „hielt in ihren seit 1913 praktizierten automatischen Aufzeichnungen fest, dass ein großer Krieg unweigerlich kommen müsse, und präzisierte zwischen dem 9. Und 21. Juli 1914, dass der erwartete Moment nun eingetreten sei.“ Sie hatte 1901 die Victorian League mitbegründet, um die von Alfred Milner vertretene Zukunftsvision des Empire zu verbreiten.

Im Februar 1914 meldete sich der mit der Titanic untergegangene „Geist“ des Milner-Freundes William T. Stead auf einer spiritistischen Sitzung im Little Theatre im australischen Sydney und prophezeite über das bekannte Medium Mrs. Foster Turner den fast tausend versammelten Menschen: „Obwohl nun gegenwärtig kein Zeichen eines großen Europäischen Krieges auszumachen ist, warne ich euch dennoch, dass bevor das Jahr 1915 zur Neige geht, Europa von Blut überschwemmt wird. Unsere geliebte Nation Großbritannien wird in den schrecklichsten Krieg gezogen werden, den die Welt jemals gekannt hat. Deutschland wird der große Gegenspieler sein und wird andere Nationen mit sich ziehen. Österreich wird sich zugrunde richten. Könige und Königreiche werden fallen. Millionen von wertvollen Leben werden hingeschlachtet, aber Britannien wird schließlich triumphieren und siegreich hervorgehen.“ (S. 878)

Wer diese Dinge als privaten Humbug betrachtet, der doch mit der Politik nichts zu tun habe, verschließt sich vor geschichtlich wirksamen Tatsachen. Dass zahlreiche hoch angesehene Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in England nach vielfältigen ernsthaften Prüfungen die Echtheit spiritistischer Phänomene anerkannten und davon in ihrem Handeln beeinflusst wurden, ist eine Realität. Das schließt nicht aus, dass es auch Unsinn und Täuschungen gab. Rudolf Steiner, der als zeitweiliger Leiter der deutschen Sektion der von der Britin Anni Besant geführten Theosophischen Gesellschaft die spiritistische Szene auch in England gründlich studiert hatte, stand dem Spiritismus äußerst kritisch gegenüber und hielt ihn für eine materialistische Verirrung. Er wies aber darauf hin, dass durch ihn gleichwohl allerlei geistige Tatsachen zum Vorschein kämen, bei denen jedoch im Dunkeln bliebe, welche okkulten Kräfte mit welchen Intentionen diese Erscheinungen inszenierten. (R. Steiner dazu in Gesamtausgabe Bd. 52)

Der Einfluss okkulter Logen

Es ist naheliegend, dass nicht nur in kleinen Kreisen, sondern auch in den okkulten Logen Englands, in denen zahlreiche führende Politiker Mitglied waren, über Medien versucht wurde, geistige Richtlinien für die Politik Englands zu gewinnen. Dies wird auch von Rudolf Steiner aus seinen Forschungen bestätigt. „Dasjenige, was wichtig ist, ist, daß nun, nachdem der ernsthafte Okkultismus sich zurückgezogen hat von dem Spiritismus, (…)  daß dann alle möglichen Strömungen und okkulten Brüderschaften und einzelne Menschen,  (…) versucht haben, die ganze Mediumschaft immer im einzelnen in die Hand zu bekommen, um dadurch gewisse Sonderzwecke zu verfolgen.“ (Vortrag 27.11.1916, GA 172, S. 222) Mit Sonderzwecken ist gemeint, dass ein zentraler okkulter Grundsatz verlassen und nicht zum Wohl der ganzen Menschheit gearbeitet wird, sondern für egoistische Ziele einer Gruppe, der englischsprechenden Völker.

Wenn man verfolgt, was selbst bei sogenannten ganz aufklärerischen Geschichtsschreibern und Politikern Englands und Amerikas als Weltideen verbreitet wird, so wird man finden, daß selbst bei diesen aufklärerischen Leuten in ihre Ideen überall etwas hineinspielt, was irgendwie von übersinnlichen Erkenntnissen über den Gang der Welt beeinflußt ist. Das gewinnt man innerhalb der angloamerikanischen Welt durchaus, seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts insbesondere, auf eine Art medialem Wege. (…) Und aus solchen medialen Persönlichkeiten heraus hat man insbesondere im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in der anglo-amerikanischen Welt die Prinzipien erfahren, durch die man politisch gegen Europa und gegen Asien die Erfolge hat erringen können, die man errungen hat.

Zwar gab es spiritistische Sitzungen und Mitteilungen auch im mitteleuropäischen Raum, doch seien „die Menschen der anglo-amerikanischen Welt … viel zu gescheit, um es so zu machen wie die Mitteleuropäer, die einfach nicht glauben, was auf diese Weise aus Untergründen des Daseins heraus geoffenbart wird“ (R. Steiner, Vortrag 29.7.1919, GA 192, S. 301 f.).

Zu der neuzeitlichen Strömung der Demokratie mit den Idealen der Französischen Revolution  gehe im Westen eine verborgene Strömung parallel, die Steiner „die geistige Aristokratie der Loge“ nennt. Elitäre westliche Brüderschaften benutzten vorrevolutionäre aristokratische Impulse des 18., 17., 16. Jahrhunderts, die dadurch unbemerkbar gemacht werden, dass sie sich mit den Phrasen der Revolution, der Demokratie umkleiden, deren Maske annehmen, um auf diesem Wege möglichst viel Macht zu erlangen. Es gehe ihnen darum, „den Wenigen die Herrschaft zu verschaffen durch die Mittel, die man im Schoß der Loge hat, dem Ritual und seiner suggestiven Wirkung.“ Vor 1850 hätten die Historiker im Gegensatz zu später noch auf den Zusammenhang der Französischen Revolution und aller folgenden Entwicklung mit den westlichen Logen hingewiesen.

In den Zeiten, die als vorbereitend für die Gegenwart in Betracht kommen, hat sich die westliche geschichtliche Entwicklung, die westliche Welt, niemals von den Logen emanzipiert. Immer war der Einfluss der Logen stark wirksam, das Logentum wusste die Kanäle zu finden, um den Gedanken der Menschen gewisse Richtungen einzuprägen. Und wenn man ein solches Netz gesponnen hat, wovon ich Ihnen nur einzelne Maschen angegeben habe (im 18. Jahrhundert von London aus über ganz Europa gegründete Freimaurer-Logen), dann braucht man nur auf den Knopf zu drücken und die Sache wirkt weiter. (R. Steiner, Vortrag 8.1.1917, GA 174, S. 90)

Wir müssen die von Cecil Rhodes initiierte „Geheimgesellschaft“ und das von Alfred Milner geknüpfte Netzwerk von Clubs, Zirkeln und, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, „Think Thanks“ angesichts der starken personellen Verflechtung als Ausläufer der englischen okkulten Logen betrachten.

Coefficients, der „Kindergarten“ und Round Table

Zunehmenden Einfluss auf die britische Außenpolitik gewannen die Coefficients, die sich 1902 als ein parteiübergreifender Debattierclub und brain trust bildeten. Ihm gehörten u. a. an: Edward Grey (Außenminister 1905-1916), W.A.S. Hewins (1917-1919 Unterstaatssekretär für die Kolonien), Viscount R.B. Haldane (Kriegsminister 1905-1912), Alfred Milner (ab 1916 Minister ohne Geschäftsbereich, Kriegsminister, Kolonialminister), der Geopolitiker Halford J. Mackinder (einer der geistige Väter der modernen geostrategischen Studien). „Einig war man sich über den zu erwartenden Großkrieg mit Deutschland, das (…) als einzig mögliche, weil existenzielle Bedrohung dienen sollte, die nötig erschien, um die English minds aus ihrer Lethargie zu neuen Anstrengungen zu befreien. Der erste Schritt hierzu sei ein Bündnis mit Russland mit Hilfe von Konzessionen in der Orientpolitik, wie der spätere Außenminister Edward Grey betonte – nicht zuletzt, um zwischen Deutschland und Russland einen Keil zu treiben.“  Der Philosoph Bertrand Russel verließ den Club aus Protest gegen die Kriegsabsichten wieder. (Osterrieder, S. 879 f.)

Alfred Milner hatte sich während seiner Tätigkeit in Südafrika (Krieg gegen die Buren) ab 1902 mit einer Schar junger, frisch gebackener Absolventen der Universität Oxford umgeben, die ihm treu ergeben waren und zu ihm als einer Vaterfigur, Führer und intellektuellem Inspirator aufblickten. Sie wurden unter dem Namen Milners Kindergarten bekannt. „Die Mitglieder dieses ´Kindergartens´ arbeiteten in den folgenden Jahren an der Errichtung der Südafrikanischen Föderation, die 1910 Wirklichkeit wurde.“ (Osterrieder, S. 884 f.) Die meisten spielten später in der britischen Politik, der Presse oder im Hochschulwesen eine große Rolle. „Begeistert von der Gedankenwelt ihres Mentors und ´geistigen Vaters´ Milner, erklärten sich die zumeist jungen Männer des ´Kindergartens´ nach ihrer Rückkehr auf die britische Insel bereit, unter seiner Anleitung den Dienst am Empire fortzuführen, um für den Fall eines kommenden Krieges den Zusammenhalt des Weltreiches zu garantieren. So entstand nach dreijähriger Vorbereitung 1909 ein informeller Kreis mit dem Namen The Round Table, der vielsagend und sicherlich mit Bedacht an die ´Ritter der Tafelrunde´ von König Artus anknüpfte.“ (S. 187)

Mit der Zeit fanden sich an den regelmäßigen Moots neue, ebenfalls einflussreiche Politiker und Gelehrte ein. Zum engeren Kreis der voll in die Ideen und Impulse Eingeweihten rechnet der bedeutende amerikanische Historiker Carrol Quigley folgende Personen: Lord Milner, Lord Esher, Earl Albert Grey, A.J. Balfour, W.T. Stead, Philip Kerr, Lionel Curtis und weitere 9 Mitglieder. Um sie herum bestand ein weiterer Kreis, der nicht mit allen Aspekten der Sache vertraut gewesen sein dürfte. Dann kam noch ein äußerer Kreis von Helfern hinzu, der eine relativ große Zahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens umfassste, zu denen auch Sir Edward Grey gehörte. „Zur geistigen Heimat des Kreises wurde die Universität Oxford, speziell die Colleges Balliol und New College sowie die beispiellose Einrichtung des All Souls College, das Leo Amery einmal als ´den geistigen Kern des Britischen Empire bezeichnet hat.´“ (S. 892 f.)

Methoden des Wirkens

„Milner übte (…) seinen Einfluss nach englischer Manier indirekt aus, freilassend, der Initiative des einzelnen vertrauend, aber doch mit gewaltiger Suggestionskraft, verborgen hinter der beiläufigen Betonung eines Wortes oder der bloßen Erwähnung eines Gedankens, mit der ganzen Macht seines geistigen Potentials wie seiner moralischen und gesellschaftlichen Stellung. Der Einfluss wurde dadurch verstärkt, dass in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens ´loyale´ Fellows und Logenbrüder wirkten, die scheinbar unabhängig voneinander zur selben Zeit den gleichen Impuls in die Welt setzten.“ (Osterrieder, S. 896)

Beispielsweise verkündet ein Staatsmann (und Mitglied der Gruppe) eine politische Entscheidung. Ungefähr zur selben Zeit veröffentlicht das Royal Institute of International Affairs eine Studie über dasselbe Thema, und ein führender Akademiker aus Oxford, ein Fellow aus All Souls (und Mitglied der Gruppe) veröffentlicht ebenfalls einen Band über das Thema (…). Die politische Entscheidung des Staatsmanns wird in einem Leitartikel von ´The Times´ einer kritischen Analyse unterzogen und schließlich gutgeheißen, während die beiden Bücher in einer einzigen Rezension in ´The Times Literary Supplement´ besprochen werden. Sowohl der Leitartikel wie die Buchbesprechung sind anonym, aber von Mitgliedern der Gruppe verfasst. Und schließlich tritt, ungefähr gleichzeitig, ein anonymer Artikel in (der eigenen Hauszeitschrift)´The Round Table´ für die gleiche politische Entscheidung ein.“ (Carrol Quigley, zitiert von Osterrieder, S. 896 f.)

Die Einflussnahme auf das englische Pressewesen zur Prägung des öffentlichen Bewusstseins war vielfältig. Das Mitglied Geoffrey Dawson war Herausgeber der Times und damit der führende Zeitungsmann in Großbritannien geworden. Philip Kerr (Lord Lothian) schrieb in der Times, in Christian Science Monitor, Spectator, Nation and Athenaeum, International Conciliation und Contemporary Review. Edward Grigg publizierte in den National und Fortnightly Reviews sowie im Observer. Vier Round Tablers gehörten zu den Direktoren der Nachrichtenagentur Reuters.

Auf diese Weise gelang es der Round-Table-Gruppe immer mehr, wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung der britischen Außenpolitik zu nehmen. Bereits in der ersten Nummer der Hauszeitschrift The Round Table im Herbst 1910 „wurde deutlich, dass der Kreis einen Krieg gegen Deutschland für wahrscheinlich hielt, ja dass die Eindämmung des deutschen Einflusses zum Kernprogramm des Round Table gehörte.“ Der 1905 Außenminister gewordene Insider Edward Grey war das geeignete ausführende Organ. Einen Tag nach der Kriegserklärung Englands an Deutschland, am 5.8.1914, schrieb F. S. Oliver an seinen Freund Milner: „Was für eine Erlösung ist Montagabend gewesen!“ (Osterrieder, S. 903)

Schon in einer preisgekrönten Untersuchung des Schweizer Historikers Jacob Ruchti von 1916  Zur Geschichte des Kriegsausbruches (Neuauflage Basel 2005) wird gezeigt, wie Andreas Bracher in der Schweizer Monatsschrift Europäer Juli/August 2014 resümiert, „dass die behauptete Friedensliebe und selbstlosen Vermittlungsversuche der englischen Regierung in den Tagen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Maske waren, hinter der sich bei den entscheidenden Akteuren Kriegswille und eine fixierte Feindschaft gegen das Deutsche Reich verbanden.“

Ruchti weist z. B. nach, dass der deutsche Botschafter Lichnowsky noch am 1. August 1914 den englischen Außenminister Grey nach dessen eigener Notiz eindringlich gefragt hat, „ob, im Falle Deutschland verspräche, die Neutralität Belgiens nicht zu verletzen, Großbritannien seinerseits das Versprechen, neutral zu bleiben, geben würde.“ Doch Grey lehnte das ab. „Der Botschafter“, so berichtet Grey weiter, „drang in mich, ob ich die Bedingungen, unter welchen wir neutral bleiben würden, nennen könne. Er meinte sogar, dass es möglich wär, die Integrität Frankreichs und seines Kolonialgebiets  zu gewährleisten.“ Grey sagte nur, „dass wir unsere Hände frei behalten müssten.“ Ruchti zieht das Fazit, „dass England im Sinne hatte, unter allen Umständen an einem Kriege gegen den deutschen Rivalen teilzunehmen.“ Dazu brauchte es die deutsche Neutralitätsverletzung Belgiens als eigenen Kriegsvorwand vor der britischen Öffentlichkeit, der Grey die deutschen Angebote verschwieg (a.a.O. S.78 f.).

Die wahren Vorgänge werden, führt Bracher weiter aus, in einem bemerkenswerten Buch des Briten John P. Cafferky: Lord Milners Sekond War bestätigt, das 2013 erschienen ist:

In Cafferkys Band ist der Erste Weltkrieg das Produkt einer Intrige einer Clique britisch-englischer Politiker, die seit ca. 1902 darauf hinarbeiteten, (…) Deutschland im internationalen System zu isolieren, eine anti-deutsche Koalition zu schmieden und diese … auf einen Krieg gegen das Deutsche Reich vorzubereiten. Diese Politik wurde in der britischen Regierung von einigen Kabinettsmitgliedern getragen, die ein ganzes Jahrzehnt lang das weitere Kabinett und die britische Öffentlichkeit über die Reichweite und eigentliche Natur dieser Politik betrogen und belogen. Abgestützt wurde sie aber auch durch eine Pressepolitik, mit der ein zunehmend anti-deutsches Klima in Großbritannien und im weiteren Europa geschaffen wurde. Wichtig dafür war besonders die Londoner Times, die damals angesehenste Zeitung der Welt, deren europäische Korrespondenten nach Maßgabe dieses anti-deutschen Kurses ausgewählt wurden.

2013 erschien eine weitere erstaunliche englische Publikation von Gerry Docherty und Jim MacGregor: Hidden History – The Secret Origins oft he First World War, die ebenfalls im genannten Europäer-Heft besprochen wird. Der Rezensent, der Engländer Terry Boardman, zitiert aus der Einleitung:

Ein sorgfältig gefälschtes Geschichtsbild wurde nur zum Zweck verbreitet, um die Tatsache, dass England und nicht Deutschland für den Krieg verantwortlich war, zu kaschieren. Wäre nämlich die Wahrheit nach 1918 in weiten Kreisen bekannt geworden, wären die Folgen für die herrschende englische Klasse verheerend gewesen. (…) Wir zeigen, wie die unvorbereitete Welt – weit entfernt von schlafwandlerischem Hineintappen in den Weltkrieg – von unerkannt bleibenden Kriegstreibern in London in eine Falle gelockt wurde.  Wir entlarven die Absicht, Deutschland eines heimtückischen Verbrechens an der Menschheit zu bezichtigen oder die Meinung, dass Belgien eine unschuldige, neutrale Nation war, die vom deutschen Militarismus überrascht wurde. Wir belegen klar, dass der deutsche Überfall auf Belgien nicht ein unüberlegter und willkürlicher Angriff, sondern eine Reaktion darauf war, dass Deutschland kurz vor der Vernichtung stand. (…) Dieses Buch will beweisen, wie skrupellose Engländer einen Krieg ausdachten und die dazu nötigen Schritte einleiteten, um Deutschland zu zerstören.

Die britische Regierung erklärte am 4. August 1914, heute vor 100 Jahren, Deutschland den Krieg.  (hl)

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10 Kommentare
  1. Rütli permalink

    „Dazu brauchte es die deutsche Neutralitätsverletzung Belgiens als eigenen Kriegsvorwand vor der britischen Öffentlichkeit …“

    Ja, dann hätte Deutschland doch England diesen Kriegsvorwand gar nicht erst geben sollen, wenn es nicht gegen es Krieg führen wollte …

    Der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg war sich übrigens des Verstosses gegen das Völkerrecht, der mit der Verletzung der Neutralität Belgiens begangen worden war, sehr wohl bewusst. Er hat das vor dem Reichstag klar zum Ausdruck gebracht und sich dafür entschuldigt.

    Im übrigen haben die Engländer weder das Attentat von Sarajevo verübt, noch den deutschen Kaiser zu seiner Blanko-Vollmacht für Österreich gezwungen.
    Sie haben auch nicht das österreichische Ultimatum an Serbien aufgesetzt, Serbien zu dessen Ablehnung gezwungen, die russische Mobilmachung angeordnet und Deutschland gezwungen Russland und Frankreich den Krieg zu erklären.

    Allerdings waren ihre Diplomaten tatsächlich geschickt genug gewesen, die Dummheit und Überheblichkeit des deutschen Kaisers, den bismarckschen Rückversicherungsvetrag mit Russland nicht zu erneuern, auszunutzen.

    • Man muss bedenken, dass es für Deutschland um die Existenz ging. Ein Zweifrontenkrieg hätte die vollkommene Niederlage bedeutet. Insofern konnte man gar nicht anders, als zu versuchen, Frankreich mit einer Zangenbewegung über Belgien schnell zu besiegen, um dann den Rücken gegen Russland frei zu haben.

      England wusste das natürlich und hat Deutschland keinen anderen Ausweg gelassen. Offiziell war es natürlich eine Völkerrechtsverletzung. Die Neutralität Belgiens war aber sehr zweifelhaft. Es gibt viele Indizien, dass die belgische Regierung auf der Seite der Allierten stand. Aber das würde hier zu weit führen.

      Ganz so einfach ist es mit dem Attentat von Sarajewo auch nicht. Klar ist, dass es von einer serbischen Geheimorganisation durchgeführt wurde – mit Wissen des serbischen Ministerpräsidenten. Aber ein persönlicher Bericht des britischen Politikers Clarence Henry Norman deutet auf eine bedeutsame Ausweitung dieser Verschwörung hin. Er bezeugt Begegnungen mit englischen Freimaurern, die am 28.6.1914 gespannt auf die Nachricht von der gelungenen Tat warteten, die also ein Vorwissen vom geplanten Attentat in Sarajewo hatten. (Schweizer Monatsschrift „Der Europäer“ Februar 2013)

      Vieles der heutigen Geschichtsschreibung, die in den Schulen gelehrt wird, und die noch immer die Geschichtsschreibung der Sieger ist, muss hinterfragt und einer Revision unterzogen werden. Der Prozess hat ja auch zum Glück inzwischen begonnen.

      • Mario hilgenfeld permalink

        serbische Geheimorganisation obrama?

  2. Schneider permalink

    Okkultimus als Verbindung zu jenseitigen Mächten (Geistern, Dämonen, Verstorbenen, höheren Wesen) ist Einbildung, z.T. auch Betrug. Die Kräfte, die den 1. Weltkrieg wollten, waren reale Menschen, die Krieg, Aberglauben, Bestechung und Erpressung für das Erreichen ihrer (verbrecherischen) Ziele gebrauchten.

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