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Der Staat als Instrument der Machtsucht Einzelner

19. September 2014

 Es ist der Fluch der Zeit, dass Tolle Blinde führen!  (Shakespeare)

Psychologie der Macht

Es gibt viele Formen, Macht über andere Menschen auszuüben. In jedem Fall dient sie dazu, den Willen anderer zu unterdrücken oder zu überwältigen, sie dem eigenen Willen zu unterwerfen und ihre Freiheit damit auszuschalten. Die primitivste Form der Macht wird durch die größere physische Stärke ausgeübt, wie sie im Tierreich dominiert. Der dem Tierreich scheinbar entwachsene Mensch verstärkt sie mit Hilfe seines verschlagenen Verstandes noch durch physische Waffen. Oft genügt es schon, ihren schrecklichen Einsatz anzudrohen, um die zu Beherrschenden gefügig zu machen, sie entweder zu murrenden Gefolgsleuten oder devoten Sklaven  zu erniedrigen. Oder eben es kommt zum Kampf bzw. zum Krieg.

Der aggressive persönliche Kampf dient dazu, den Anderen durch körperliche Schmerzen zur Aufgabe seines eigenen Willens zu zwingen, ihn also als eigenständige Person mit freiem Willen seelisch auszuschalten und – fügt er sich nicht, ihn auch physisch zu eliminieren. Der Angriffskrieg hat das Ziel, viele Menschen physisch zu vernichten oder mindestens zu verstümmeln und Zerstörung, Leid und Not zu verbreiten, damit die Überlebenden ihren eigenen Willen aufgeben und sich der seelischen Unterwerfung fügen. Mit dieser Machtausübung der physischen Vernichtung und seelischen Ausschaltung anderer Menschen ist in der Reihe des Lebendigen die eigentliche Menschenstufe natürlich noch nicht erreicht.  Der Mensch gebraucht das Himmelslicht der Vernunft, seine Anlage zur Menschwerdung, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“ (Goethe: Faust I, Prolog).

Dem Machtstreben liegt die eigensüchtige und zugleich hasserfüllte Ausdehnung des eigenen Ego über andere Menschen und ihre Güter zugrunde. In gesteigertem Selbstgefühl maßlos aufgeblasen, sucht es nach einem weiteren Anwachsen seiner selbst, indem es sich Andere untertan macht. Es erlebt sich in der Macht über die Erniedrigten verstärkt und erhöht, und diesen narzisstischen Rausch möchte es nicht mehr missen. Daher ist es ständig von Argwohn und Furcht erfüllt, seine Macht wieder an einen Stärkeren zu verlieren. Denn es empfindet unbewusst die Hohlheit und Hybris des eigenen Machtanspruchs. Das  Streben nach Macht steigt aus innerer geistiger Schwäche auf und lebt in ständiger Furcht, die sich in Hass Luft macht, der sich in Gewalt austobt.

Geschichtliche Entwicklung der Macht

Machtausübung einzelner über die anderen hat es in der Menschheitsgeschichte natürlich immer gegeben. Sie hat in der Geschichte der Menschheit im wesentlichen drei Entwicklungsphasen durchlaufen. (1)  In den orientalischen Reichen der Assyrer, Babylonier oder Ägypter des 3., 2. Jahrtausends v. Chr. erlebten die Menschen die Macht des Herrschers als eine göttliche Macht. Der Priesterkönig oder Pharao war ihnen ein auf Erden erschienener Gott, ein Sohn des Himmels, dessen Macht keine äußere Gewalt bedeutete, sondern in der überlegenen göttlichen Weisheit und Güte bestand, aus der heraus er das Leben der Menschen zu ihrem Heile ordnete und leitete, wozu sie selbst noch nicht imstande waren. Der Herrscher und seine Minister wurden als etwas Höheres als gewöhnliche Menschen erlebt; Götter und Untergötter sprachen und wirkten in ihnen. Eroberungen anderer Länder bedeuteten eine Ausdehnung des Gottesreiches.

In der weiteren Entwicklung, die in Griechenland und Rom begann und durch ein Erwachen des begrifflichen Denkens und die damit verbundene stärkere Selbständigkeit des Einzelnen gekennzeichnet ist (siehe Aufgabe Europas), zogen sich sozusagen die Götter etwas zurück. Es trat eine Spaltung in eine mehr weltliche und eine kirchliche Macht ein. Der Herrschende wurde nicht mehr als der Gott selbst, sondern als der von Gott Beauftragte und Inspirierte erlebt, als der Herrscher von Gottes Gnaden. Er war ein Mensch wie alle anderen, aber aus ihnen herausgehoben durch den Adel seiner Seele, der es dem Gotte ermöglichte, ihn für seine leitenden Aufgaben zu inspirieren, derer die Menschen in einer gewissen Weise noch immer bedurften. Der Herrscher war ein Symbol, ein Bild dessen, was nicht mehr in der irdischen Welt da war. Er war mit seinen Taten nicht mehr der Gott selbst, sondern nur noch der Ausdruck von dessen machtvoller Weisheit, Güte und Gerechtigkeit, die sich durch ihn in die irdische Welt ergießen und realisieren sollten. Jetzt konnte eigentlich erst das Diskutieren über öffentliche Angelegenheiten entstehen, da sich unterschiedliche Auffassungen darüber bilden konnten, ob das, was sich im Physischen abspielte, ein wirkliches Abbild des Göttlichen war.

Mit der Neuzeit setzte wieder eine gewaltige Bewusstseinsveränderung ein, in der sich der einzelne Mensch immer mehr auf die Spitze der eigenen Persönlichkeit zu stellen begann, um aus eigener Erkenntnis sein Leben selbst zu gestalten. Luthers Worte auf dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!“, die er Kaiser, Fürsten und kirchlichen Würdenträgern entgegenschleuderte, sind für die innerlich zur Unabhängigkeit erwachte Persönlichkeit besonders kennzeichnend. Der Herrscher wurde nicht mehr als Gottgesandter erlebt, der durch höhere Erkenntnis andere zu lenken berechtigt wäre. Jeder fühlte sich selbst in der Lage und berechtigt, zu den benötigten Erkenntnissen zu kommen. Der Anspruch des „Gottesgnadentums“ war hohl geworden, hielt sich aber noch lange auf dem Thron. Seine Macht  war jedoch vollkommen entgeistigt und veräußerlicht. Was vorher Symbol war, das noch mit einer Wirklichkeit in Verbindung stand, wurde zur Phrase, die pompös vortäuscht, was nicht mehr vorhanden ist. Was als innere Macht in selbstverständlicher Autorität gewirkt hatte, wurde nun, geistig entleert, zur äußeren Macht, die sich nur als Gewalt durchsetzen und behaupten konnte.

Machiavellismus

Die Macht, die im Geistigen ihren Ursprung und ihre Legitimation hatte, war im Interesse der menschlichen Freiheit versiegt. Aber an ihre Stelle setzte sich die äußere Gewalt, die aus dem nackten Egoismus der irdischen Persönlichkeit aufstieg und sich den Staat als Instrument gestaltete. Auf den Egoismus hat Machiavelli (1469 – 1527) seine Theorie vom Staat gegründet, die ungeheuren Einfluss auf die Entwicklung des modernen Staates genommen hat. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, dass die Menschen von Natur aus schlecht seien und es auch unveränderlich blieben, da es keine fortschreitende Entwicklung in der Menschheitsgeschichte gebe, sondern nur einen ewig sich wiederholenden Kreislauf. Die Konsequenz daraus war für ihn der zum Prinzip erhobene Egoismus, der notwendig das Regieren des Fürsten bestimme. Das egoistisch-kluge politische Handeln unterscheide prinzipiell nicht zwischen guten und üblen Mitteln, sondern setze beide ein, je nach ihrer Zweckmäßigkeit für den erstrebten Erfolg, die Sicherung und Erweiterung der äußeren Macht. (2)

Sein Staats-„Zweck“ ist Macht um ihrer selbst willen. Das äußere Ziel der staatlichen Entwicklung war Machiavelli die Bildung eines starken, geschlossenen, wohlgeordneten Staates, beruhend auf Zentralisation, vor allem aber der Nationalstaat. Das Schwergewicht liegt aber bei Machiavelli nicht auf diesen Zielen, sondern auf den Mitteln des politischen Handelns. Gerade hier zeigt sich der „Machiavellismus“ am unverfälschtesten, und gerade hiermit hat Machiavelli (die damalige politische Wirklichkeit theoretisierend) Schule gemacht. Verbrechen aller Art spielen hier gleichsam ihre „legitime“ Rolle. Machiavellis Schriften sind erfüllt von Schilderung und Empfehlung von Lüge, Betrug, List, Täuschung, Verrat, Treubruch, Gewalttätigkeit jeder Art, Vernichtung anderer Menschen, Mord und Grausamkeit. (…) Auch die „guten“ Mittel werden nur aus Egoismus angewandt: z. B. fördert der Fürst die Untertanen nicht um ihrer selbst willen, sondern weil er an ihrer Wohlfahrt, ihrer Zufriedenheit usw. ein egoistisches Interesse hat. (3)

Der Machiavellismus hat im politisch-sozialen Leben bis heute seine starken Wirkungen entfaltet. Jeder kann sie am Verhalten und Handeln der meisten führenden Politiker beobachten. Und auch im System des modernen Staates sind sie deutlich wahrnehmbar:

Wer von dem Misstrauen gegen die menschliche Natur ausgeht, muss allen Nachdruck darauf legen, dass der Mensch durch äußeren Zwang zu einem einigermaßen sozialen Verhalten gezwungen werden muss. Dazu muss sich der Staat zu einem Machtstaat ausbilden, der auch wirklich die umfassende Gewalt hat, um den Zwang durchzuführen. Mit der immer stärkeren Ausschaltung der Sittlichkeit in der Politik wird das eigentlich Menschliche ausgeschaltet, dasjenige, das den Menschen vom Tier und von den leblos-mechanischen Kräften unterscheidet. An die Stelle des menschlich-sittlichen Handelns wird daher ein mechanisches Spiel der Interessen, eine Abwägung und Ausbalancierung der Machtfaktoren treten; die Politik wird etwas wie ein Schachspiel werden, der Staat sich zu einem Unpersönlich-Maschinellen entwickeln. (4)

Der absolutistische Einheitsstaat

Was in Italien in der Renaissancezeit mehr punktuell begonnen hatte, wurde in Frankreich in systematischer und planmäßiger Weise auf breiterem Boden ausgebaut und weitergeführt. Es erreichte einen Höhepunkt im Absolutismus Ludwig IV. (1643-1715). Dessen Egoismus steigerte sich in einem solchen Maße, dass sich sein Ich gleichsam zu einer eingebildeten „Sonne“ aufblähte, die alles im Staate beschien, das gesamte Leben des Volkes, die Kultur und das merkantilistische Wirtschaftsleben umschloss, für die eigene Macht instrumentalisierte und zentral lenkte. In größenwahnsinniger Maßlosigkeit fühlte sich das Ego des Herrschers ausgeweitet zum alles umfassenden Staate  – „L´État c´est moi“ (Der Staat bin ich). Der „Sonnen-König“ sah sich mit dem Ganzen des Staates identisch, ordnete alles nach seinem Willen. Alle hatten ihm zu gehorchen und zu dienen, denn sie dienten damit dem Staate, von dem sie ein funktionierendes Teilchen waren. Karl Heyer schreibt dazu:

„So werden vom staatlichen Zentrum aus alle drei sozialen Lebensgebiete ergriffen und zu einer straffen, militanten Einheit zusammengeschweißt, die von einem Geist beherrscht wird: das politisch-verwaltungsmäßig-militärische Gebiet, das wirtschaftliche und das kulturelle. Und alles dient dem Könige.“  (5)

Es wurde so eine hierarchisch aufgebaute bürokratische Staatsmaschinerie geschaffen, in die der einzelne Mensch hilflos eingegliedert war. Der König an der Spitze und seine Beamten saßen an den Schaltstellen dieses riesigen Herrschaftsapparates, der ein perfektes Instrument für ihn war, alle anderen Menschen mit unausweichlicher Gewalt seiner persönlichen Machtsucht zu unterwerfen.

„Aber die Staatsentwicklung bei Ludwig XIV. ist wirklich nur ein besonders signifikantes Beispiel und das größte und imposanteste der Zeit für die Entwicklungsdynamik, die damals in allen Staaten des Fürstenabsolutismus überhaupt herrschte.“ (6)

Dieser absolutistische Einheitsstaat wurde prägend für die ganze neuere Zeit.

Der liberal-demokratische Einheitsstaat

Mit Empörung stemmten sich immer mehr die Kräfte des Individuums gegen diese unzeitgemäße, entwicklungsfeindliche Dynamik unberechtigter Machtausübung. Sie fegten in der Französischen Revolution von 1789 die hohl gewordene Monarchie Frankreichs grausam hinweg. Von England, in dem schon hundert Jahre zuvor in der Glorious Revolution die Monarchie zu einem nur noch geduldeten Schattendasein verurteilt worden war, übernahm man die Ideen des Liberalismus und der parlamentarischen Demokratie, durch welche die Macht auf die ganze Bevölkerung, repräsentiert durch ihre gewählten Vertreter, übergehen sollte. Aber die Problematik des Einheitsstaates wurde nicht durchschaut. Der vom Absolutismus übernommene Machtapparat blieb nicht nur bestehen, sondern wurde noch weiter ausgebaut und perfektioniert. So suchte der liberale Freiheitsimpuls gegen den omnipotenten Einheitsstaat nur einen persönlichen Freiheitsraum für den Einzelnen geltend zu machen, der aber nur sehr begrenzt durchdrang und in der Wirtschaft als wirtschaftlicher Liberalismus zum Egoismus-Exzess des Kapitalismus führte.

Mit der Demokratie machte sich die berechtigte Forderung der Individualität geltend, die Gesetze sich nicht von oben diktieren zu lassen, sondern bei der Entstehung des Rechts mitzuwirken. In dem Maße aber, wie die Rechtsorganisation, der Staat, eine Allzuständigkeit für jedes Lebensgebiet in Anspruch nahm und durch Gesetze reglementierte, wurden in das Recht, das nur die Beziehungen zwischen den einander gleichberechtigten Menschen zu regeln hat, inhaltliche Gestaltungen des Lebens aufgenommen, die Angelegenheit der sachkundig im Wirtschafts- und Kulturleben wirkenden Menschen selbst sind. Das führte dazu, dass der Impuls der Selbstbestimmung sich noch in der Debatte artikulieren kann, im Moment der Abstimmung aber ausgeschaltet wird, denn damit sind alle gleichermaßen an die daraus folgenden inhaltlichen Regelungen gebunden und müssen – von außen bestimmt – nach ihnen handeln. Aus dem Streben des Individuums nach Selbst- und Mitbestimmung entstanden, führt der Parlamentarismus in der Abstimmung zu ihrer Vernichtung. Er „geht hervor aus der Geltendmachung der Persönlichkeit und endet mit der Auslöschung der Persönlichkeit.“ (7)  Im Geistes- und im Wirtschaftsleben kann es keine gesetzgebenden Körperschaften geben, die „von oben“ reglementieren, sondern nur horizontale Beratungs- und Kooperationsorgane freier und solidarisch einander zugewandter Bürger.

Nur auf dem Gebiete des Rechts selbst ist der Parlamentarismus berechtigt, denn Fragen des gerechten Verhaltens untereinander, des Schutzes des inneren und äußeren Friedens, können nicht vom Einzelnen, sondern nur durch gemeinsam vereinbarte Regeln aller gelöst werden. Sie sind es, welche die Bildung ei­ner Gemeinschaft als Staat erst nötig machen und ihm konstitutiv zugrunde liegen. Hier ist auch jeder Mündige urteilsfähig. Die Abstimmung führt zwar auch hier zu einem gewissen Nivellement der Persönlichkeit, doch hat sie ihre relative Berechtigung, denn das für alle gleichermaßen geltende Gesetz ist gerade das angestrebte Ziel. Wenn sich die Gesetze darauf beschränken, den rechtlichen Rahmen für die inhaltliche Tätigkeit der Menschen im Kultur- und im Wirtschaftsleben zu bilden, wird durch sie die Freiheit und Selbstbestimmung nicht ausgeschaltet, sondern gerade ermöglicht. Und das Justiz und Polizei verliehene Gewaltmonopol dient nicht der Macht über Menschen, sondern ihrem Schutz vor denen, die in die körperliche oder seelische Integrität anderer gewaltsam eingreifen.

Der demokratische Einheitsstaat als Instrument der Gewalt

Wir sahen: Die Macht hat seit Beginn der Neuzeit, mit dem Erwachen der freien Individualität, ihren geistigen Inhalt verloren. Damit ist prinzipiell jede Herrschaft von Menschen über Menschen innerlich unberechtigt geworden. Sie ist eine Anmaßung, eine Usurpation. Goethe formulierte daher, dass die Regierung die beste sei, die uns lehre, uns selbst zu regieren. Macht ist heute mehr oder weniger offene oder versteckte Gewalt, die den anderen überwältigt, ihm einen fremden Willen aufzwingt und ihn dessen beraubt, was ihn erst zum Menschen macht: der Freiheit seines eigenen Erkennens und Wollens.

Die Geschichte der Neuzeit ist gekennzeichnet durch den Kampf der Kräfte des Egoismus um den Staat als Instrument der Gewalt. Ob absoluter Fürstenstaat, konstitutionelle Monarchie oder demokratische Republik – der Staat wächst als zentralistisches, bürokratisches Riesengebilde, als hierarchischer Befehlsmechanismus, der sich über alle Lebensgebiete legt, immer mehr ins Gigantische, nimmt immer gewaltigere, erdrückendere Ausmaße an. Hand in Hand damit geht „die Atomisierung der Untertanen oder Staatsbürger zu einer homogenen Masse von Individuen, die man (…) von außen her durch abstrakte Gesetze zusammenhält.“ (8)  Der Einheitsstaat wird ein immer perfekteres Instrument in den Händen derjenigen, die an den Schaltstellen sitzen – gleichgültig wie „demokratisch“ sie sich zu legitimieren suchen -, um die Masse der Menschen mit direkter oder indirekter Gewalt nach ihrem Willen zu formen und zu lenken.

Mit der Gewalt, die den Mitmenschen überwältigt, handelt noch nicht der Mensch, sondern das Tier in ihm. Das wird schon im innenpolitischen Kampf um die Macht sichtbar. Der peruanische Nobelpreisträger für Literatur Mario Vargas Llosa, der 1987 als Präsidentschaftskandidat für drei Jahre in die Politik ging, schilderte seine Erfahrungen so:

„Sie können die hehrsten Ideen haben, aber sobald es an deren Verwirklichung geht, sind Sie Intrigen, Verschwörungen, Paranoia, Verrat und Abgründen an Schmutz und Niedertracht ausgesetzt. Wenn ich eins über den Morbus der Politik gelernt habe, dann dies: Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht. Wer diese Obsession nicht hat, wird der kleinlichen und trivialen Praxis der Politik angeekelt den Rücken zukehren.“ (9)

Die Möglichkeit der Machtausübung zieht die egoistischen Machtnaturen an, und so sorgt der „demokratische“ Einheitsstaat für die Auslese der Schlechtesten. Haben sie die Herrschaft über den Staatsapparat errungen, weitet sich ihr Ego ebenso besitzergreifend wie bei Ludwig IV. über den Staat aus. Der Staat gehört ihnen. Die Rekrutierungsorganisationen dieses Menschenschlages werden zu „staatstragenden Parteien“, die sich den Staat zur Beute gemacht haben.

Noch offener tritt das Tier auf die Bühne in der Außenpolitik, in der angeblich Völker miteinander in Beziehung treten, in Wahrheit aber kleine Cliquen mit dem Instrument des Einheitsstaates in der Hand gegeneinander um die Erhaltung und Ausdehnung ihrer Macht kämpfen. Mit dem ganzen Arsenal des höheren Tieres, mit Täuschung, Lüge und Drohung, Intrigen, Verschwörungen und Sanktionen, versteckten Terrorunternehmungen und Regierungsumstürzen bis zur primitivsten Form der offenen Gewalt, dem Krieg, wird in der internationalen Machtpolitik unentwegt versucht, die andern zurückzudrängen, zu schwächen und sie schließlich samt ihrer hilflosen Völker mit brutalster Waffengewalt physisch zu überwältigen und dem eigenen Willen zu unterwerfen. Insbesondere das 20. und das begonnene 21. Jahrhundert sind von diesen Kämpfen der menschlichen Bestien gegeneinander gekennzeichnet. Wir leben mitten darin.

Man muss sich endlich klar werden, dass diesem sozialpathologischen Wahnsinn nur Einhalt geboten werden kann, wenn die Allmacht des Staates aufgelöst, er auf das reine Rechtsleben beschränkt wird und das Wirtschafts- und Geistesleben in die horizontal koordinierende Selbstverwaltung der dort tätigen sachkundigen Menschen entlassen werden. Die herrschenden Egomanen können nur entmachtet werden, indem ihnen ihr staatliches Machtinstrument aus der Hand genommen wird (vgl. Die Überwucherung). Sonst wird die Selbstzerstörung der Menschheit weiter fortschreiten.  (hl)

————————————————-

(1) Sie sind besonders treffend von Rudolf Steiner in drei Vorträgen skizziert worden unter dem Titel  „Die geschichtliche  Entwicklung des Imperialismus“, Vorträge 20.-22. Febr. 1920, im Band 196 der Gesamtausgabe

(2)  Karl Heyer: Machiavelli und Ludwig XIV., Stuttgart 1964, S. 226

(3)  Karl Heyer a. a. O. S. 227

(4)  Vgl. Karl Heyer a. a. O. S. 93, 94

(5)  Karl Heyer a. a. O. S. 95, 96

(6)  Karl Heyer a. a. O. S. 99, 100

(7)  Rudolf Steiner, zitiert nach Karl Heyer a. a. O. S. 218

(8)  Karl Heyer a. a. O. S. 224

(9)  Zitiert nach André F. Lichtschlag in „eigentümlich frei“ Aug./Sept. 2013, S. 40

 

 

21 Kommentare
  1. Freier Kapitalist permalink

    Danke für diesen schönen und treffenden Artikel!

    Das hat die PDV schon vor einigen Jahren auf folgenden Punkt gebracht:

    Weniger Staat – mehr vom Leben!

    http://www.parteidervernunft.de/ueber-uns-2/
    http://www.parteidervernunft.de/programm/

    Wer sich in das Thema „Staat“ vertiefen möchte, sollte auch zum Einstieg
    Roland Baader (http://www.roland-baader.de/) und danach Mises &
    Hayek lesen.

    • Wann hören die Menschen endlich auf zu glauben, dass man mit Hilfe einer Partei die Probleme des gesellschaftlichen Lebens lösen kann, wo doch der mit dem Parteiensystem verbundene Machtapparat selbst das Problem ist! Wer dies dennoch will, will Gewalt mit Gewalt begegnen.

  2. „Der dem Tierreich scheinbar entwachsene Mensch …:

    „DER Mensch“ ist in der Tat dem Tierreich entwachsen und „Krone der Schöpfung“ – allerdings bezieht sich das auf den GESUNDEN erwachsenen Menschen.

    „… verstärkt sie mit Hilfe seines verschlagenen Verstandes noch durch physische Waffen. Oft genügt es schon, ihren schrecklichen Einsatz anzudrohen, um die zu Beherrschenden gefügig zu machen, sie entweder zu murrenden Gefolgsleuten oder devoten Sklaven zu erniedrigen. Oder eben es kommt zum Kampf bzw. zum Krieg.“:

    Was in diesem Zitat und im weiteren Beitrag beschrieben wird, bezieht sich nicht auf den GESUNDEN erwachsenen, sondern den neurotisch entfremdeten, kranken, typischen zivilisierten, Menschen.

    Grundlegende Heilung von dieser schlimmsten aller Krankheiten ist in jedem Einzelfall möglich. Die Schritte dazu stehen im Text „Wahre Heilung“ auf http://www.Seelen-Oeffner.de.

    Herzlichen Gruß!

    • Ich stimme Ihnen natürlich zu. Der Text ist bewusst so pointiert geschrieben worden. Es geht aus ihm ja auch hervor, dass ich die Machtsüchtigen dieser Welt für zurückgebliebene Psychopathen halte.

      • @ hwludwig:

        Danke.
        „Pointiert schreiben“ ist EINE Sache. Aber bei der Wahrheit bleiben sollte man in jedem Fall.

        Aus meiner Sicht sind nicht nur die „Machtsüchtigen“ (zurückgebliebene) „Psychopathen“, sondern die sehr große Mehrheit ALLER in der zivilisierten Gesellschaft.
        Ich erinnere an die Einteilung – von der ich grad nicht weiß, von wem sie stammt – in „Opfer, Verfolger und Retter“. Auch die „Opfer“ der „Machtsüchtigen“ sind Opfer der „Krankheit der Gesellschaft“ / „Kollektiven (Zivilisations-)Neurose“.

        Herzlichen Gruß!

        Wolfgang Heuer

  3. Zitrone permalink

    Wieder einer Ihrer hervorragenden Artikel Herr Ludwig, vielen Dank.
    Stimme unter anderem @ heureka47 in Bezug auf eine Massen-
    psychose zu.

    Man denke nur an die als selbstverständlich hingenommene,
    allgemeine Verblödung. Diese reicht hinauf bis in die Höhen,
    derer die uns diese Verdummung überstülpen, um dann im selben
    Atemzug wieder rum, ihre Häme auszuschütten, über den
    Menschen, die sie sich heranziehen als Konsumtrottel.

    Verfolgt man zu Studienzwecken, die von den Logen ausgehende
    Verblödungsindustrie für einige Zeit, fällt auf, wie man junge Menschen
    in wertes und unwertes Leben einteilt, sie erniedrigt und vor aller
    Augen aburteilt.

    Man nimmt diesen Menschen jedwede Würde und läßt sie oft als
    Gebrochene zurück. Diese Form der Machtausübung ist inzwischen
    leider zu Normalität geworden. Sie brennt sich in die Hirne derer
    ein, die sich keine Gedanken machen, sondern alles tun, um nur
    irgendwie vor einer Kamera zu stehen, um einer unsäglichen „Berühmt-
    heit“ willens.

    Es ist kaum zu fassen, wie weit die Erniedrigung fortgeschritten ist…

    Die drei Vorträge von Rudolf Steiner aus Band 196 sind mir noch
    nicht bekannt, danke für die Empfehlung.

    Mit guten Gedanken…

  4. Alexandra Werner permalink

    Vielen Dank für diesen leicht verständlichen Artikel. Überleben in dieser Zeit heißt :
    Nicht verzweifeln!!

    • peterarie permalink

      So leicht verständlich ist der Artikel wohl doch nicht. Ihre Anschau wurde von der katholischen Kirche durch die Jahrhunderte : „Liebe Glaube Hoffnung“, genannt !
      Ich nenne das ganze „akademischer Wahnsinn“ : der mit der Gleichgültigkeit vieler Bürger sein „nervtötendes“ Spiel treibt.
      Solange jeder Student vom Professor nur „abschreibt“, ändert sich kein System der Macht.
      Warum widersprechen Sie nicht energisch in diesem Blog ?
      mfG.

  5. Information und Aufklärung sind die einzigen, wirklich wirksamen Waffen gegen „die dunkle Seite der Macht“..

    Wo auch immer eine Gesellschaft mit psychischer Gewalt und den Gesetzen einer menschlich entfremdeten, autoritären Klasse gezwungen wird, sich zu unterwerfen, dort ist die Psychologie die erste Wissenschaft, die von einer herrschenden Administration scharf zensiert wird. Diese Administration wird sehr gründlich bei der Zensur und der Vernichtung unliebsamer Dokumentationen über die Symptomatik psychopathologischer Eigenschaften vorgehen – und letzten Endes wird sie ihre Aufgabe damit abschließen, die Darstellung wissenschaftlicher Tatsachen zu überarbeiten und anzupassen. Sie werden das letzte Wort an sich reißen, denn sie haben allen Grund dazu.

    Die einzig wirksame Waffe gegen Psychopathen in den Machtpositionen der Welt, ist nämlich die massenhafte Informationsverarbeitung (Aufklärung) über deren skrupellosen Machtmissbrauch in den jeweiligen Machtstrukturen. Und bei den meisten Missständen in der Gesellschaft geht es letztendlich auch immer NUR darum: Machtmissbrauch seitens der jeweiligen (gewählten oder nicht gewählten) Machthabern und deren Netzwerken.

    Zitat: Prof.Dr.Andrzey M. Lobaczewski in seinem Werk „ Politische Ponerologie“ schreibt dazu:

    „..Wenn Psychopathen eine Gesellschaft regieren, wird die Gesellschaft deren Wesenszüge aufweisen. Im Allgemeinen wird sie stark korrumpiert sein. Aber da Täuschung ein primäres Wesensmerkmal des Psychopathen ist, wird sie menschlich erscheinen. Ihre Eigenschaften können von höchster Regierungsebene bis hinunter zum Straßenniveau beobachtet werden. Würden Sie den Wahnsinn einer Zivilisation unter psychopathischer Herrschaft bezeugen wollen, müssen Sie nicht die Hauptstadt dieses Staates oder eine Großstadt besuchen, da selbst das kleinste Dorf diese Eigenschaften aufweisen wird.[Zitiert nach Prof.Dr.Andrzey M. Lobaczewski – Politische Ponerologie]
    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

    Wie richtig Prof. Lobaczewski mit seiner oben zitierten Einschätzung schon vor Jahrzehnten lag, zeigen auch die aktuellen Symptome der Radikalisierung und der Verrohung der Gesellschaft insgesamt – begleitet vom massiven Zerfall der humanen Strukturen, Unterwanderung der „freien“ Presse, Zerschlagung der Demokratie, der Bürgerrechte, etc.
    Es gilt, anstatt nur weiter zu jammern und sich zu „empören“, nun die gut getarnten, psychisch schwer gestörten Individuen in allen Machtstrukturen der Gesellschaft eindeutig zu identifizieren, sie umgehend zu entmachten – und in die Therapie zu schicken. Die sog „Dissoziale Persönlichkeitsstörung“ (Psychopathie), ist ungefähr so weit verbreitet, wie Schizophrenie auch –nur, im Gegensatz zu den bekannten psychischen Störungen, ist Psychopathie für die Gesellschaft unendlich gefährlicher – und dazu von außen – und ohne geeigneten Diagnoseinstrumente, kaum bzw., gar nicht erkennbar.

    Mehr zum Thema:
    http://homment.com/pathokratie-plutokratie
    Facebook:
    https://www.facebook.com/pages/Aktiv-gegen-Psychopathen-Pathokratie/329397370520953

    Daryl

    • Herzlichen Dank für diesen trefflichen Beitrag

    • @ daryl

      >>Die sog „Dissoziale Persönlichkeitsstörung“ (Psychopathie), ist ungefähr so weit verbreitet, wie Schizophrenie auch –nur, im Gegensatz zu den bekannten psychischen Störungen, ist Psychopathie für die Gesellschaft unendlich gefährlicher – und dazu von außen – und ohne geeigneten Diagnoseinstrumente, kaum bzw., gar nicht erkennbar. <<:

      Wahrhaft erwachsene / gesunde Menschen können Störungen bei kranken Menschen erkennen.
      Daß in der zivilisierten Gesellschaft die weit verbreiteten Störungen kaum / so wenig erkannt werden, kann als Indiz dafür gewertet werden, daß die große Mehrheit NICHT wahrhaft erwachsen / gesund ist.

      Und das bestätigen ja etliche Fachleute / Autoren – wie z.B. Erich Fromm, der gesagt hat "Die Erwachsenen der modernen Gesellschaft sind nicht erwachsen.

      DAS muß mit großer Priorität / Dringlichkeit OHNEHIN grundlegend geheilt werden – und dann wird es auch viel leichter sein, die dann noch verbleibenden "schweren, gefährlichen" Fälle zu identifizieren und "unschädlich" zu machen.

      Herzlichen Gruß!

  6. Wenn Du die Psychologie der Macht, der Westlichen-Werte-Demokratie kennen lernen willst…

    Was Du schon immer über die Westliche-Werte-Demokratie und West-Medien wissen wolltest bisher aber nicht zu fragen wagtest …
    “Die erfolgreichsten Gehirnwäsche-Techniken. Der Globalisierungs-Fanatiker. Ein Psychogramm der Westlichen-Werte-Demokratie”
    http://www.gehirnwaesche.info

  7. Adept permalink

    Auf Grund der vielen Tabus, die hierzulande errichtet wurden und werden, kann man die gegenwärtige Gesellschaftsform auch „Gesinnungsdiktatur“ nennen. Die Schere im Kopf
    wird schon kleinen Kindern beigebracht.

    Ein Problem, das diese „Denkstrukturen“ befördert, ist die rein logische Vernunft.
    Logik ist nämlich immer eine schrittweise Abwägung bis zum Ende, der Aussage.
    Die einzelnen Schritte werden dabei auch nach Tabus ausgerichtet und nach gut oder schlecht (böse) ausgerichtet. Alle Monotheistischen Religionen funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

    Das „schrankenlose Denken“ muß zuerst objektiv Beobachten und dann schlußfolgern.
    In unserem Staate wird aber indoktriniert und das Ergebnis ist eine zutiefst verlogene Gesellschaft.

    Sämtliche Gesetze werden gebeugt mit Hilfe der Massenmedien und den Gerichten.
    „Wollt ihr den totalen Selbstmord“ schreien die Politiker den Massen zu und diese schweigen.

    Nur absolut Charakterlose lassen sich dafür vor den Wagen spannen; Hans Meiser hat ja vor Jahren einen Film über die Zustände im Bundestag machen wollen und wurde daraufhin mundtot gemacht.
    Man kann davon ausgehen, dass Staaten mit diesem Innenleben nicht in der Lage sind, in schwierigen Zeiten den gelebten Wahnsinn aufrecht zu erhalten.

    Ein Polizist hier in Bayern hat mir letzte Woche gesagt, dass man als Polizist einen Maulkorb hat,
    man darf nichts sagen, sonst bekommt man ein Verfahren an den Hals.

  8. Hat dies auf losloesung rebloggt und kommentierte:
    Das Volk muß nach langem Dornröschenschlaf erkennen, daß es wieder der Souverän (lat. Superanus – “über allen stehend”) werden muß, der Inhaber aller Gewalt über sich selbst, alle Macht vom Volk und für das Volk – Schluß mit dem ewigen Selbstbetrug, den juristischen Trickbetrügereien mit arglistiger Täuschung – Einigkeit, Recht und Freiheit.

    Das Tor zum WIR und zu einem Leben in der selbstgeschaffenen und selbstbestimmten Wirklichkeit war über den Weg des Natur- und Geburtsrechts einen Spalt nur geöffnet gewesen. Mögen wir alle darauf achten, daß es nie ganz geschlossen werden kann, daß sittenwidrige und/oder machthungrige Spielsucht niemals über Naturrecht, Geburtsrecht, Souveränität und ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst triumphiert und auch niemand seine Seele im bösen Spiel der Schattenwelt verliert. Jeder bedenke: Vertrauen war manipulierbar gewesen und wird im Hier und Jetzt ohne Hemmungen manipuliert.

    Wisse: Die Freiheit nach dem Natur- und Geburtsrecht würde eine wahrlich große Macht sein. Sprich: „Ich BIN die MACHT. Ich BIN ALLES. ALLES ist EINS. ALLES ist die MACHT. Es gibt nichts zu verlieren. Ich BIN immer zu HAUSE.“

  9. g_org permalink

    Danke für diesen aufschlussreichen und erhellenden Beitrag. Die nüchtern sachliche Schreibweise ist eine Wohltat unter all dem reißerischen Journalismus.

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